10.05.2013

Der 2. offene Brief an Montessori


Liebe Frau Montessori! 

Heute ist es 61 Jahre und 4 Tage her, dass Sie von uns gegangen sind. Wobei das "von uns" nicht ganz stimmt, denn damals gab es mich ja noch nicht. In Ihren 82 Lebensjahren haben Sie etwas ganz Bewegendes ins Leben gerufen, etwas, was so vielen Pädagogen, Eltern und ganz besonders den Kindern überall auf der Welt unheimlich viel gegeben hat: Mehr Selbstvertrauen, Respekt, Würde und Freiheit!

Wenn man ein Kind auf seinem Lebensweg begleitet, weiß man allerdings: man braucht auch Geduld, gute Nerven und eine gute Portion gesunden Humor. Ohne diesen "überlebt" man die Erziehung kaum! Denn manchmal muss man als Kind auch Stolpersteine des Lebens bewältigen und das kann ziemlich an den Nerven zerren. Verstehen Sie, was ich meine?
Ich komme zum Punkt: Meine Tochter muss zurzeit so einen Stolperstein bewältigen. Sie merkt, dass die Welt sehr groß ist, dass es so vieles zu entdecken gibt und das sie durchs Gehen mobiler ist denn eh und je. Sie kennen diese Phase bei Kleinkindern bestimmt. Sie traut sich immer weiter weg von uns in die große weite Welt hinaus und ja, doch, das beunruhigt sie auch offensichtlich: sie klammert sich an uns auch gleichzeitig ganz, ganz, ganz fest. Da muss ja doch ein Zusammenhang bestehen?!
Und diese Wutanfälle, wenn etwas nicht so geschieht, wie sie es möchte... Gott im Himmel! ...

Manchmal bin ich dann ratlos und unsicher, wie ich auf dieses Verhalten reagieren soll? Also habe ich versucht auszumachen, was Sie mir wohl raten würden. Und wobei ich mir ganz sicher bin, Sie hätten mir als erstes geraten, gelassen und geduldig zu bleiben. Ja, das ist ein guter Rat, in gewissen Situationen allerdings eine echt große Herausforderung! Sie hätten mir auch höchstwahrscheinlich geraten, mein Kind genau zu beobachten um es besser zu verstehen. Und Sie hätten mir geraten, meinem wütenden und tobenden Kind in Augenhöhe zu begegnen und seine Gefühle zu verbalisieren.

Gelassenheit und Ruhe, Respekt und Verständnis sind wirklich beherzigende Ratschläge, auch wenn Sie manchmal verdammt schwer in die Tat umzusetzen sind. Was Sie mir aber auf jeden Fall noch gesagt hätten: "Setzen Sie ihrem geliebten Kind auch Grenzen! Denn ohne Grenzen ist man wie ein bodenloses Fass, wie ein einsames Schiff am Meer ohne Kapitän." Wie wahr!

Mit freundlichen Grüßen,
Anna

Kommentare:

  1. Liebe Anna, das hast du schön beschrieben. Auch wir haben manchmal Wutanfälle, aber es hält sich wirklich sehr in Grenzen. Ob es an Minis Charakter liegt oder daran, dass wir konsequent versuchen, ein "Nein" nur dann zu verwenden wenn es wirklich nötig ist (und wir es auch durchsetzen können, dauerhaft!) und dieses "Nein" wenn immer möglich mit einem Alternativvorschlag begleiten - das weiss ich nicht.
    So kommen wir meist gar nicht in diese emotionalen Extremsituationen. Wenn es aber halt trotzdem mal so ist, funktioniert bei uns folgendes recht gut : wie du schon sagst, auf Augenhöhe die Emotionen verbalisieren, Verständnis für die Wut äussern und gleichzeitig unterstreichen, dass die Situation / Eltern-Meinung unumstösslich ist. Trösten, wenn sie es zulässt, und auch mal ein freundliches Lächeln ausprobieren. Schliesslich sind wir Erwachsenen auch oft wütend, wenn uns jemand "Nein" sagt. Nur äussern wir unsere Emotionen nicht mehr so ungefiltert.

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    1. Eine Alternative anzubieten finde ich toll. Auch, dass Ihr konsequent bleibt wenn es soweit kommt. Auch ich bemühe mich so zu verhalten, leider nicht immer mit Erfolg. :( Wenn ich ihr eine Alternative anbieten möchte, hört und sieht sie mich gar nicht, sie kann so laut brüllen, dass ich nicht einmal meine eigene Stimme höre. Da muss ich eben warten, bis sie sich beruhigt und dann ist die Sache für sie scheinbar schon vergessen. Manchmal bekommt sie ganz plötzlich Wutanfälle und ich komme nicht darauf, was die Ursache ist. Eine harte Nuss ;)
      Mit dem NEIN bin ich auch konsequent und wenn sie dann einen Wutanfall bekommt, komme ich damit auch wirklich klar. Dann weiß ich nämlich, was der Auslöser war und kann dementsprechend reagieren.
      Alles, alles Liebe, Anna

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  2. Vielen DAnk für diesen offenen Brief!
    lg Carina

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  3. So ein toller Brief Anna :) Du schreibst so schön. Wenn Paul in dem Alter ist, werde ich dann an diese Worte zurückdenken.

    Gibt es Situationen, in denen du nur mit einem "NEIN" reagieren kannst? Paul hat im Moment die Phase mir seine Finger ins Auge zu stecken. Manchmal kann ich dann gar nicht anders als erschrocken "NEIN" zu sagen. Versuche ihn dann direkt in eine andere Situation zu bringen. Trotzdem rutscht mir dieses Wort viel öfter über die Lippen als mir lieb ist...

    Liebe Grüße,

    Laura

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    1. Liebe Laura,
      oh ja, das kenne ich gut. Ich ertappe mich auch immer wieder, dass ich bei Gelegenheit gleich NEIN sage. Aber hey, auch wir Eltern müssen durch diesen Lernprozess durch, man lernt mit den Kindern gemeinsam durch dieses Abenteuer des Großwerdens zu gelangen. Ein klares NEIN sind meine Kamera, die Steckdosen und Kabeln, die sie schon mal anknabbern wollte. Auch das Hauen oder Zwicken sind für mich klare NEIN-Fälle. Aber Du hast schon recht, auch ich bemühe mich damit sparsam um zu gehen und sage ihr lieber positive Botschaften.
      Alles Liebe, Anna

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  4. Liebe Anna, das hast du wundervoll geschrieben. Ich glaube, die Balance zwischen Grenzen-Setzen und Freiheit-Geben, die ist für alle Eltern schwer, du zeigst aber hier immer wieder, wie toll es funktionieren kann. Danke dafür. Sina

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    1. Oh, danke Dir, liebe Sina, aber nein, leider bin ich auch nur eine ungeübte Mami mit vielen Fragezeichen im Kopf. Ich bin nicht immer Herr der Lage, auch wenn ich theoretisch weiß, was eventuell gut wäre. Aber nur theoretisch, in Wirklichkeit ist das lange nicht so einfach. :S Aber darüber können viele Mamis Lieder singen, denke ich. ;) Ich mache oft Fehler aber ich stehe dazu. Auch ich gehe noch meinen eigenen Weg und muss noch sehr vieles dazulernen. Alles Liebe, Anna

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  5. Liebe Anna!
    Ich kann dir versprechen, die Wutanfälle werden weniger. Wutanfälle machen einen als Mama sehr kreativ: man trägt schreiende zappelne Kleinkinder unterm Arm geklemmt durch den Supermarkt, man sitzt schweigend daneben und übt sich in Gelassenheit, man schreit ebenfalls und erprobt die Lautstärke der eigenen Stimme, man verspricht eigenartige Dinge, man kauft noch eigenartigere Dinge inspiriert durch die Kassaschlangenregale, später übt man sich in Selbstverteidigung und lernt, dass vierjährige Mädls in Gummistiefeln, Prinzessinenkleid über Pyjamahose und Marmelademund in den Kindergarten marschieren können...Ich wünsche dir für jeden Wutmoment deiner Tochter eine kreative Reaktion :),
    lg
    Lisi

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    1. Liebe Lisi!
      :D Was für ein toller Kommentar! Ich hätte diesen Post exakt mit Deinen Worten schreiben sollen, denn Du triffst den Nagel genau auf den Kopf. :D Tatsächlich erlebe ich momentan mit ihr solche Situationen, ich trage ein zappelndes und schreiendes Kind im Arm und probier es mit sanften Worten zu beruhigen. Ohne Erfolg natürlich. Aber gehen müssen wir dennoch, da hilft nichts. Ich schäme mich nicht für ihre Wutanfälle, ich weiß doch, dass sie einfach nur ihren eigenen Willen hat und das finde ich total in Ordnung. Sie ist eine starke Persönlichkeit und ich freue mich darüber sehr. Aber ich merke, mein Nervenkostüm muss ich besser ausrüsten ;)
      Du hast einen herrlichen Humor! :D Tausend Dank für deinen aufheiternden Kommentar!
      Alles Liebe,
      Anna

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