21.08.2013

Gastbeitrag von Antje

 

Ein Mädchen (20 Monate alt) sieht in dem Netz an der Raumdecke einen Luftballon. Sie kommt zu mir: „Antje, Ballon!“ Ich frage: „Wo ist ein Ballon?“ „Da oben.“ Sie zeigt auf das Netz. „Antje, Ballon runter holen!“ fordert sie. Ich stelle mich unter den Ballon und recke meinen Arm nach oben. „Ich komme nicht an den Ballon heran, ich bin zu klein,“ sage ich zu dem Mädchen. Sie überlegt kurz und kommt dann mit erhobenen Händen auf mich zu – ihr Zeichen, dass sie auf den Arm möchte. Ich hebe sie hoch, wir stehen unter dem Ballon und das Mädchen versucht an den Ballon heranzureichen. Doch auch das gelingt nicht. Ich setze sie wieder auf den Boden. Das Mädchen überlegt, schaut sich im Raum um. Dann geht sie zielstrebig auf meine Kollegin zu und signalisiert ihr, dass sie auf dem Arm möchte. Dann zeigt sie auf den Ballon. Meine Kollegin geht mit dem Mädchen auf dem Arm zu dem Ballon und da sie größer ist als ich gelangt das Mädchen nun an den Luftballon und kann ihn zum Spielen aus dem Netz holen. 

Diese Szene hat sich vor einiger Zeit in unserer Krippe abgespielt. Ich bin Antje von Fairy & Snail, Erzieherin und arbeite seit vier Jahren in einer Krippengruppe einer städtischen Kita mit Kindern von 1-3 Jahren. In der Ausbildung zur  Erzieherin kam ich das erste Mal mit den Gedanken von Maria Montessori  in Kontakt und ich fand sie sofort logisch. Für mich waren ihre Ansätze einfach nachvollziehbar. Ein Kind kommt auf unsere Welt und es kennt noch nichts – wie ein Außerirdischer. ;) 
Natürlich muss ein Kind seine Umwelt be-greifen (im wahrsten Sinne des Wortes), um sie kennen lernen zu können. Der Mensch ist ein Wesen, das am besten ganzheitlich lernt, mit möglichst vielen seiner Sinne gleichzeitig. Um begreifen zu können, was „rund“ ist, muss das Kind die Form kennen lernen – das tut es, indem es z.B. eine Kugel anfasst und sie in den Mund nimmt. „Rund“ hat aber auch eine physikalische Bedeutung, die das Kind wahrnimmt, indem es die Kugel rollen lässt. Im Kontakt mit einer sprechenden Person lernt das Kind das Wort „rund“ kennen. Und so erschließt sich das Kind nach und nach, was es mit dem Wort und der Bedeutung „rund“ auf sich hat. Ist doch logisch, oder? ;) 

Mit meinem an die Montessori-Pädagogik angelehnten Ansatz mit den Kindern umzugehen habe ich (bei den Kindern) viele positive Erfahrungen gemacht, denn die Kinder genießen es, wenn sie selbst tätig werden dürfen. Wenn nicht nur etwas mit ihnen gemacht wird, sondern wenn sie selbst machen dürfen. Sie sind sehr konzentriert bei der Sache, sie wirken auf mich, als würden sie schwer arbeiten – aber im sehr positiven Sinne. Sie sind völlig versunken im Hier und Jetzt, in dem was sie tun. Sie übernehmen begeistert Aufgaben und führen sie - so gut es ihnen möglich ist - aus. Und meiner Erfahrung nach lernen sie so auch leichter und nachhaltiger – was ja für viele Erwachsene sehr wichtig ist.
„Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können. (Konfuzius) 

Die Szene, die ich oben beschrieben habe, hat mir wiedermal vor Augen geführt, was diese „kleinen“ Kinder schon können. Als Erwachsener neigt man dazu, in einer solchen Szene dem Kind gut gemeint zu helfen und man kümmert sich selbst darum, dass der Luftballon aus dem Netz befreit wird. Doch dem Mädchen wurde die Lösung nicht vorweggenommen, sie musste sich selbst darum bemühen - und sie hat es geschafft!
Wenn es den Kindern nicht gelingt, dass zu tun, was sie möchten, kommt es immer sehr auf das Kind an, wie es reagiert – aber auch auf die Erwachsenen, die drumherum sind. Die Kinder können in einer solchen Situation wahnsinnig frustriert sein. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sie sehr gut darauf reagieren, wenn wir Erwachsenen sie dann in ihrem Tun unterstützen. Eben wenn wir ihnen helfen, es selbst zu tun und es ihnen nicht aus der Hand nehmen. 

Ich kann jedem, der im privaten oder beruflichen Leben mit Kindern umgeben ist, nur raten mal auszuprobieren was passiert, wenn man die Kinder „einfach mal machen lässt“. Natürlich kann man die Situation nach eigenem Empfinden auswählen oder gestalten (je nach Sicherheits- oder Sauberkeitsbedürfnis). Aber ich bin jedes Mal wieder begeistert davon, was die Kinder machen, welche Ideen sie haben, welche Lösungswege sie entwickeln, womit sie sich beschäftigen."

Antje von Fairy & Snail

1 Kommentar:

  1. Danke für die schöne Geschichte mit dem Ballon und deine Gedanken!
    Alles Liebe, Katharina

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