04.03.2014

Und wie sehen das eigentlich die Kinder?

 

Was wir über Erziehung denken, wurde bereits mehr als einmal gesagt. Aber wie denken Kinder darüber? Was würden sie wohl zu uns sagen, wenn sie ihre Gedanken mit uns teilen könnten? 

"Lass mich Dein Verbündeter sein. Es verletzt mich, wenn Du mich mit Tricks und Bestechungen, mit Drohungen und Bestrafungen zu etwas zwingen willst, was ich eigentlich gar nicht machen mag. Wenn Du gegen mich bist, wenn wir ständig streiten, ist es für mich sehr beängstigend. Ich brauche Dich ja doch so dringend an meiner Seite! Sage es mir doch stattdessen höflich oder zeige mir einfach, was Du von mir willst. Und hindere mich freundlich aber bestimmt, Sachen zu tun, die Du nicht willst, dass ich sie tue, noch bevor Du wütend auf mich wirst. Wenn Du ruhig und gelassen bleibst und mich auch mal meine Sachen in Ruhe fertig machen lässt, wirst Du sehen, werde ich danach richtig strahlen. 

Habe keine Angst vor meinen Reaktionen, wenn Du mir Grenzen setzt. Denn wenn Du unsicher wirst, Du, den ich am meisten brauche, wie soll ich mich dann sicher fühlen? Es ist ganz schlimm für mich, wenn Du ängstlich bist, wenn Du zögerst oder ausweichende Antworten gibst. Ich weiß, meine Wutanfälle sind auch nicht gerade angenehm, aber auch wenn ich tobe oder verärgert bin, brauche ich die Grenzen, die Du mir gibst. Grenzen weisen mir den Weg und geben mir Halt. Ich will nie das Sagen haben, auch wenn es den Anschein hat. Manchmal ist es auch für mich komisch, dass Du was ganz anderes willst, als ich. Dass wir nicht dasselbe wollen oder denken. Und ganz besonders schwer ist es für mich zu verstehen, dass Du mich auch dann sehr liebst. Du liebst mich doch auch dann sehr, oder? 


Sage mir die Wahrheit. Mute mir Verstand zu. Wenn Du mir etwas mit einfachen Worten erklärst, so dass ich es fühlen kann, schenkst Du mir viel Vertrauen und Achtung. Und auch Klarheit. Das tut so gut! Glaub mir, ich verstehe mehr, als Du denkst. Du musst aber wissen, dass ich des öffteren an Sachen erinnert werden muss. Ich will nicht lästig sein, bitte glaub mir, ich will wirklich niemanden ärgern. Ich brauche einfach nur Zeit um etwas zu lernen. Hab Geduld mit mir. 

Sei nicht wütend oder genervt, wenn ich Dich um Hilfe bitte. Denn wenn Du wütend wirst, fühle ich mich echt unsicher. Ich muss wissen, dass ich Dich damit nicht nerve, dass ich Dir vertrauen kann, dass ich auf Dich immer und überall zählen kann, dass Du mein Anliegen und meine Fragen mit Vertrauen behandelst, dass Du mich ernst nimmst. Wer, wenn nicht Du? 

Wenn ich ein Verhalten wiederhole, so ist es deswegen, weil ich nach Bestätigung suche. Wenn du mir einen bösen Blick zuwirfst oder zu laut und barsch schreist: 'Nicht hauen!', 'Nein, nein, nein!', 'Lass das!' bin ich eben meiner Sache nicht sicher und werde noch einen Versuch starten um Dich und alle anderen besser zu verstehen. Gib mir doch eine ruhige Antwort. Ich muss wissen, dass mein Verhalten nicht erlaubt ist, aber ich brauche auch die Gewissheit, dass es kein Weltuntergang ist, dass man es ohne viel Aufwand ändern kann, ohne Gefahr zu laufen, aufeinander wütend zu werden. 

Zeige mir, wie die Sachen funktionieren. Zeige mir, wie man den Alltag meistert. Denk daran, ich bin neu hier und möchte doch so gerne hierher gehören. Ich möchte verstehen, wie ihr das macht und möchte das auch so gerne tun, damit ich ein Teil dieser Welt sein kann. Ich merke oft, dass Du Bedenken hast, immerhin bin ich noch nicht so geschickt, wie Du. Aber vertraue mir, ich will das lernen und habe Mühe es gut zu machen. Ich will unbedingt dazugehören! 


Mute mir Fehler zu. Denn ich lerne aus meinen Fehlern richtig viel. So habe ich auch das Gehen gelernt, auch das Greifen und Sprechen. Hast du es gar nicht bemerkt? Dabei bin ich ständig hingefallen, habe lange Zeit danebengegriffen und die Laute immer wieder durcheinandergebracht. Aber genau diese Fehler haben mich dazu bewegt noch einen Anlauf zu nehmen, und dann noch einen und immer wieder zu probieren und zu üben, bis ich dann Erfolg hatte. Mute mit Fehler zu. Ich brauche diese um zu lernen! 

Lass mir Zeit. Lass mir Freiraum. Lass mich die Welt selbst entdecken. Wenn ich Hilfe brauche, werde ich mich schon melden. Lass mich lernen mich zurechtzufinden und habe dabei viel Geduld mit mir. Ich mag wohl für dich langsam sein, für dich vieles falsch machen, aber diese Erfahrungen brauche ich um die Welt zu verstehen. Und wenn du mich beobachtest, einfach nur beim Entdecken zuschaust, glaube mir, werden wir einander viel besser verstehen.

Sieh die Welt auch aus meiner Sicht und bestätige meine Gefühle so oft Du nur kannst. Auch, wenn es Dir lächerlich, falsch oder verrückt scheint. Es gibt keine falschen Wünsche und Gefühle nur falsche Wege auf diese zu reagieren. Ich will auch manchmal 'Nein' sagen und machmal auch 'Doch'. Bitte akzeptiere das. Ich muss wissen, dass es okay ist, Gefühle und Wünsche zu haben, dass Du diese wahrnimmst und verstehst und dass Du mich nie aufhörst zu lieben. "

Kommentare:

  1. Liebe Anna
    Vielen Dank für diesen wunderschönen Text. Wie wahr. Ich habe ihn mir abgespeichert und habe ihn heute bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen. ❤❤❤ alles Liebe!
    Judith

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  2. Liebe Anna, einfach wunderschön! sooo wahr.

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  3. *eine träne am morgen kullern lassen muss* DANKE @--}--}---

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  4. ... das ist ein wunderschöner Text und ein wunderbarer Blog, hab vielen Dank...

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  5. Wunderbar, das sind genau die Worte & Antworten auf meine Fragen und Unsicherheiten, wenn ich vielleicht zu ungeduldig bin oder mich frage ob ich es "richtig" mache. Und sogar das Bild ist sooo passend :-) Mal wieder Vielen Dank für Deinen tollen Blog

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  6. Das hast du echt schön geschrieben und es ist viel Wahres dran. So ganz genau können die Kleinen ja leider noch nicht sagen, was sie meinen, es wird aber sicher in deine Richtung gehen.
    LG Steffi

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  7. Danke für diesen schönen Artikel. Er wird ausgedruckt und weitergereicht!

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  8. Ich bin sprachlos...so wunderschön und auf den Punkt gebracht. Vielen Dank! Ich hoffe das lesen ganz viele!

    Liebe Grüsse

    Jasmina

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  9. Liebe Anna,
    das stimmt. Und ich werde den Post noch oft lesen, denn auch ich, obwohl ich erwachsen bin, muss an manche Dinge oft erinnert werden. Danke dafür, dass du das so treffend formuliert hast, was mir Emil sagt und manchmal versucht zu sagen, ohne dass ich ihn manchmal genau verstehe.
    Liebe Grüße von uns!

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  10. Danke für diesen wunderschönen Text. Ich werde den Link gleich in meinem Blogroll speichern, damit es noch mehr Menschen lesen!

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  11. Liebe, liebe Eltern vom Mars! Als ich einst auf euren Blog kam, kam ich aus dem staunen nicht mehr raus. Selbst als meine Tochter mir über meine Schulter schaute und die Bilder von verschiedenen Montessori-Versuchen anschaute, war sie ganz gespannt was die kleine Julia so erlebt. Ich bin hin und weg! Ganz ganz tolle Sachen und ich stöbere gerne auf euren Blog herum. Das Geruchsmemory habe ich schon nachgebastelt und ist klasse. Selbst für uns Erwachsene manchmal ganz schön schwierig. :) Jedes Mal staune ich, was Julia schon so kann. Das hat doch bestimmt auch viel mit der elterlichen Geduld zu tun? Alles Liebe und macht unbedingt so weiter! Wir finden euch und diesen Blog einfach klasse!

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  12. Ich bin durch einen anderen Blog hierhin gekommen und fasziniert. Super liebevoll gestaltet, super schöne Fotos. Und der Beitrag hier ist sooooo wichtig. Ich bin Vollblut Erzieher und Papa einer kleinen Tochter und auch wenn ich nicht direkt nach Montessori arbeite, sind die Grundgedanken von ihr so toll und wichtig und beeinflußen daher auch meinen respektorientierten Erziehungstil. In eurem Text sprecht ihr mir aus dem Herzen. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist nicht, unsere Kinder zu formen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben sich zu offenbaren. Danke!

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  13. Liebe Anna,
    was für wundervolle Zeilen!
    Mir liefen die Tränen als ich das las.
    Mein Wunsch ist es, genau das meiner Tochter zu geben, auch wenn ich mich selbst (aber auch andere Familienmitglieder) immer wieder daran erinnern muss.
    Ich werde mir den Text ausdrucken, damit ich ihn mir immer wieder vor Augen halten kann.
    Danke für diesen wundervolleBlog!

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  14. Ja, das ist schön geschrieben und berührt mich sehr. Danke auch an die, die mit Ihrem Feedback zeigen, dass ich keine Heulsuse bin. denn es berührt auch mich zu Tränen.

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VIELEN DANK FÜR DEINE NACHRICHT! :)
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