11.05.2014

Seit einem Jahr ganz ohne Buggy


Damals, vor gut einem Jahr, hätte ich mir den Alltag ohne unseren Buggy nicht vorstellen können. Ich trug meine Kleine gerne und oft im Manduca und auch in unserem Tragetuch, aber bei den Einkäufen war der Buggy einfach viel praktischer.

Doch eines Tages, als sie zu gehen anfing, fing sie auch an, den Buggy abzulehnen und weigerte sich schließlich gänzlich hineinzusteigen. Ich versuchte das Ding auch leer mitzuschieben, aber der Buggy wurde so zum absoluten Hindernis. Es blieb mir nicht viel anderes übrig, als sie zu tragen oder eben spazieren zu lassen, wenn es die Zeit zuließ. Ich trug sie im Tuch, wenn ich einen Termin einhalten musste, morgens in der U-Bahn (wo viele Menschen zur Arbeit eilten) und ich trug sie, wenn sie schon erschöpft war. Das Tragetuch schien für sie ein guter Kompromiss zu sein, aber sie bevorzugte das Gehen und genoß jeden einzelnen Schritt, den sie machen konnte. Die Zeit schien dann jedoch stehen zu bleiben, wir brauchten für eine 5 Minuten-Strecke mindestens eine halbe Stunde.

Ich gebe zu, der Anfang war nicht immer einfach aber diese Buggylosigkeit war und ist eine absolute Bereicherung für uns beide:

Sie konnte ihre neue Errungenschaft, das Gehen üben und genoss die Bewegung sichtlich. Sie übt auch heute noch gerne das Hüpfen vom Gehsteig, das Runterlaufen von kleinen Hügeln, genießt das Beschleunigen beim Laufen und findet das Rückwärtsgehen besonders lustig. So wurden ihre Bewegungen Monat für Monat geschickter.

Sie kann jederzeit stehen bleiben, wenn sie etwas genauer beobachten will, wie zB. Bauarbeiter oder Ameisen bei ihrer Arbeit oder Tauben die nach Futter suchen und kleine Regenwürmer, die nach einem Regen vor der Wasserflut aus dem Boden fliehen. Sie kann die Welt in ihrem eigenen Tempo entdecken und tatsächlich: ihr entgeht nur selten etwas.

Sie kann nach Lust und Laune alles mögliche sammeln, wie Tannenzapfen, Stöcke und Kieselsteine, die sie dann durch Gitterzäune steckt. Und Kleinkinder stecken bekanntlich unglaublich gerne irgendwo etwas rein um dabei ihre Feinmotorik und Logik zu fördern.

Sie wurde mit dem Straßenverkehr vertraut und weiß, wo sie lieber nicht hingehen und wo sie stehen bleiben soll. Auch in der U-Bahn und in der Straßenbahn setzt sie sich hin und beobachtet ihre Umgebung oder, sollte kein Platz frei sein, hält sie sich geschickt an, da sie bereits erfahren konnte, dass der Zug bei der Fahrt unter ihren Füßen ziemlich arg wackelt.

Die Einkäufe wurden mit der Zeit immer entspannter. Wenn sie zu erschöpft war nahm ich einen großen Einkaufswagen im Supermarkt, wo ich sie hineingesetzt habe, um unnötige Konflikte zu vermeiden. Sonst nahm und nimmt sie einen kleinen Kindereinkaufswagen. Ich lasse sie beim Einkauf aktiv teilhaben und bin jedes Mal verwundert, wie einfach es sein kann, wenn man selbst ruhig und geduldig bleibt. Ich halte das Sackerl, sie steckt die Äpfel hinein und schleppt das Obst zur Waage. Ich gebe ihr das Joghurt in die Hand und sie stellt es ins Wagerl. Ich bestelle die Wurst bei der Theke und sie darf sie kosten. Sie bedient sich auch schon selbst, da sie sich im Supermarkt absolut auskennt. Manchmal landet ein kleiner Kakao im Einkaufswagerl, ein anderes mal eine Packung Butter (sie liebt Butter). Bei der Kassa räumen wir alles gemeinsam auf das Förderband und sie darf ihren Kakao selbst bezahlen. Es gab Tage, wo es nicht immer so harmonisch klappte und ich ins Schwitzen kam, aber ich wusste dann, ich habe sie an diesem Tag falsch eingeschätzt. Vielleicht hatte sie wenig Lust oder war schon zu müde und ich hätte lieber einen großen Wagen nehmen sollen.

Und heute, wo ich sie nicht mehr trage, nehmen wir ein Laufrad mit, wenn wir es eilig haben oder eine längere Strecke in Kauf nehmen müssen.

Auch mir hat es viel gebracht, diese Buggylosigkeit, auch wenn ich mir dies damals, vor einem Jahr niemals hätte vorstellen können. Ich lernte ihr Tempo zu berücksichtigen und mich ihr anzupassen und wurde mit der Zeit um einiges geduldiger und gelassener. 

Ich hatte viel mehr Gelegenheiten sie genauer zu beobachten und lernte die Welt mit ihren Augen zu sehen.

Da sie ständig nach allem fragt, musste ich mir ein paar Tier- und Pflanzenführer zulegen (auch um gefährliche Tiere und giftige Pflanzen zu vermeiden) und lernte so einiges dazu.

Ich lernte ihr mehr zuzutrauen und sie an meinem Alltag auch außerhalb unserer eigenen vier Wände aktiv teilhaben zu lassen. 

Ich weiß nicht, wie ich getan hätte, wenn ich Zwillinge oder wenn ich bereits noch ein kleines Baby hätte. Das wäre sicherlich nicht ganz so einfach gewesen, keine Ahnung. Aber ich bin unendlich froh, dass ich ihren Wunsch damals respektiert habe und dadurch diese Erfahrung machen konnte.

Kommentare:

  1. Bei uns steht auch der Buggy seit fast einen Jahr nur noch im Treppenhaus und staubt langsam vor sich hin.
    Wir sind meist mit den Fahrrad unterwegs oder laufen gleich (mit Manduca im Gepäck).
    Ich genieße das sehr, denn ich konnte mich nie so recht mit den Kinderwagen/ Buggy anfreunden.
    Leider wird sich das wohl ab Oktober ändern. Dann kommt Nachwuchs Nummer 2 und wir müssen wohl auf Buggyboard umsteigen. Hier liegt im Winter einfach zu viel Schnee für das Fahrrad und für den Schlitten sind die Wege zu gut geräumt oder wieder gar nicht. Mal sehn...

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  2. Hallo,

    die Zeilen die du schreibst sind wieder sehr interessant unt treffend. Bei dem Kind, auf das ich aufpasse, bermeke ich Ähnliches und ich möchte sie auch sehr gerne laufen lassen, lasse sie bisher auch laufen. Allerdings gerate ich momentan immer wieder in Zweifel. Die Gegend, in ihrem Bewegungsradius ums Haus ist im Stadtgebiet und von parkenden Autos gesäumt, bzw. mal stärker mal weniger befahren. Natur gibt es in der Nähe nicht, der nächste Park liegt für mich 10 Gehminuten entfernt, wenn ich mit ihr Laufe dauert es natürlich länger. Ich habe kein Problem, die Geduld aufzubringen. Mein Problem ist die gefährliche Straße bzw. dass, wenn man läuft man immer wieder dazu genötigt wird, sie von irgendetwas wegzuholen, weil z.B. die Alarmanlagen der Autos angehen, wenn sie sich zu sehr für das parkende Auto interessiert ;) oder sie der befahrenen Straßezu Nahe kommt, oder Hundekot oder Zigarettenstummel findet. Die Städte sind da nicht sehr kinderfreundlich aufgebaut.Ich weigere mich innerlich, sie ständig nur an der Hand laufen zu lassen oder ihr dauernd, wenn sie etwas entdeckt dazwischen zu gehen. Aber bis zum Park tragen oder im Kinderwagen fahren lehnt sie berechtigterweise ab und mir sagt mein Gefühl auch, dass sie laufen sollte. Hast du Ideen dafür? Das wäre wirklich mal interessant für mich, wie man das lösen kann und ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.
    Liebe Grüße,

    Janine

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    1. Auch wir leben in einer Großstadt und können daher Deine Sorgen absolut nachvollziehen. Wir haben allerdings das Glück, viel Grünes um uns zu haben, jedoch wird der Weg dorthin leider oft auch von Müll oder Hundstrümmmerl am Rand des Weges gesäumt. Ich ließ sie immer alleine laufen, jedoch so, dass ich auf der straßennäheren Seite ging und sie an der Hausmauer. Wenn wir dann doch zu nah bei den Autos gehen mussten, sagte ich ihr, dass ich ihre Hand halten will und tat es dann auch. Wir gingen immer und immer wieder die gleiche Strecke, sodass sie heute diese recht gut kennt und weiß, wo sie stehen bleiben soll, weil da zB. eine Garage oder eine Kreuzung ist, oder, wo sie damit rechnen kann, dass ich ihre Hand halten werde. Was die Hundstrümmmerl angeht: nun ja, die werden bis heute jedes Mal beobachtet und auf Größe, Farbe und Häufigkeit - aus für mich akzeptierbarer Entfernung - untersucht. Kann man nichts dagegen machen. ;)

      Liebe Grüße,
      Anna

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    2. Liebe Anna,

      vielen Dank für deine ausführliche Antwort. So in der Art werde ich es auch weiter versuchen. Was eben immer nur in meinem Kopf herumgeister, ist wahrscheinlich ein typisch erwachsener Gedanke?, den sich Kinder bestimmt nicht stellen: 1. Hat sie etwas davon, bzw. ist es besser, sie die "nervige", nicht direkt kindergerechte Straße entlanglaufen zu lassen auf dem Weg zum Park und dann dort nur wenig Zeit in "schönerer" Atmosphäre zu verbringen, oder je nach dem, wie lange wir für den Weg benötigen auch gar keine Zeit mehr im Park. 2. oder wäre es besser, sie zum Park zu tragen, um den langen Weg zu überbrücken und sie dann dort in schönerer Umgebung laufen zu lassen oder nehme ich ihr dann wichtige Erfahrungen weg?
      Vielleicht hat ja auch noch jemand deiner Kommentatoren, die auch Kinder haben, eine Antwort auf diese kontroverse Frage, die da in meinem Kopf immer wieder mal so mal so rumgeistert.Wahrscheinlich gibt es aber auch keine Pauschallösung. Mich würde es freuen, noch einmal Meinungen dazu zu hören.

      Liebe Grüße und eine schöne Frühlingszeit.

      Nini

      (Ich bin übrigens sehr interessiert an deiner Seite und speichere nahezu jeden Beitrag ab, um ihn mir später nocheinmal durchzulesen, wenn ich selbst Kinder habe ;) oder in meiner Ausbildung zur Erzieherin)

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  3. Leider liebt meine Tochter (2,5) ihren Buggy. Sie ist schon ein fauler Sack. Aber ich kann es auch gut verstehen. Sie ist in der Kita ständig auf Trab, wie mir die Erzieherin sagte. Bei schönem Wetter gehen sie auch wandern oder einkaufen. Ansonsten tobt sie sich auf dem Spielplatz aus. Da würde ich mich auch gerne fahren lassen...

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  4. Hallo :-)
    bei uns ist es ganz genau so. unsere töchter sind annähernd gleich alt und wir haben den buggy auch ungenutzt gelassen. zum ersten geburtstag wurde der kinderwagen abgeschafft und nicht wirklich ersetzt. wir haben uns zwar für den sommerurlaub einen besorgt, aber das war die sinnloseste aktion ever. das kind war völlig konsterniert als wir ihr den buggy angeboten haben und so wurde er gleich nach dem urlaub wieder weggeben.
    lustigerweise war die große tochter da komplett anders. sie ließ sich ewig gern (bis etwa 2) im buggy umherfahren oder am besten gleich herumtragen^^
    eines ihrer ersten worte war ausbeuter, das war immer ihre antwort wenn man sie gefragt hat was sie denn sei.
    ich finde es ehrlich gesagt immer ein wenig gruselig, wenn man in der stadt oder beim einkaufen kinder jenseits der 4 / 5 Jahre sieht, die immer noch in kinderwagen umhergefahren werden oO am besten noch mit einer großzügig bemessenen süßspeise in der hand.


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  5. Was für ein wundervoller Artikel.
    Genau so möchten wir es auch gerne handhaben. Unser Sohn läuft erst seit kurzer Zeit, doch ich habe jeweils einfach nur ein Tuch, eine TH oder eine Ringsling dabei, wenn ich weg gehe. Wir besitzen zwar auch einen Buggy, doch ich finde den immer so sperrig und unpraktisch. Darum bleibt er meist daheim.
    Und auch wenn ich momentan für eine kurze Strecke noch ewig brauche, so geniessen mein Sohn und ich es auch sehr. Und auch ich kann mir so mal Zeit nehmen um unsere wunderschöne Umgebung auch mal genauer betrachten. Sonst würde ich das wohl nicht tun.

    Liebe Grüsse
    Nina

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  6. Ich finde den Ansatz sehr begrüßenswert und freue mich, wenn es Eltern gibt, die ihrem Kind die Zeit geben, die es zum Laufen und Entdecken haben möchte.

    Meine Kinder (inzwischen schon 20, 18 und 15) haben ihren Buggy immer lieber geschoben (bzw. ihr Kuscheltier im Buggy) als selbst darin zu sitzen, sobald sie laufen konnten, was ich auch unterstützt habe.

    Was ich allerdings sehr kritisch sehe, sind diese Laufräder, die seit einigen Jahren ja total in Mode sind und von denen auch Ihre Tochter wohl eins besitzt.
    Im Gegensatz dazu favorisiere ich entschieden einen traditionellen Roller mit großen, luftgefüllten Reifen, einer Hand- und einer Rücktrittbremse und einer Klingel.

    Mit so einem haben meine alle ihr Gleichgewicht trainiert, lenken und bremsen gelernt und sind damit an die Verkehrsteilnahme herangeführt worden. Und waren sie mal zu unsicher oder schnell, wurde einfach der Roller fallengelassen und sie standen sicher auf ihren Füßen daneben.

    Wenn ich aber heute die kleine Kinder, teils schon mit 2 Jahren, wo sie gerade laufen können, mit diesen Rädern herumflitzen sehe, wird mir mulmig. So schnell, da kommt keiner hinterher und dazu haben diese oft niedlichen (Holz-) Räder leider keine Bremsen. In der Fußgängerzone muss man teilweise aufpassen, dass man beim Bummeln nicht über die Füße gefahren wird. Und die Kinder sitzen bequem auf dem Sattel, allerdings ist der eben so eingestellt, dass sie richtig drauf sitzen - also nicht einfach runterhüpfen können, wenn es zu schnell oder gefährlich wird.

    Ich kann alle Eltern nur ermutigen, zu überlegen, ob dieses so "moderne" Fortbewegungsmittel wirklich so viel besser und praktischer ist als ein "altbackener" Roller.

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    1. Ja, ja... früher war natürlich alles besser. Und sicherer. Und überhaupt. ;-)

      Hier haben drei Kinder nie einen Roller besessen und gleich mit dem Laufrad angefangen. Als unwissende Erstlingseltern haben wir natürlich ein Laufrad mit Handbremse gekauft - um dann festzustellen, dass die Kinder grundsätzlich nur mit den Füssen bremsen, oder eben auch das Rad einfach fallen lassen und stehenbleiben. Da sehe ich keinen Unterschied zum Roller. (Wie oft wurde denn wirklich mit der Roller-Bremse gebremst? Ich meine, von ganz kleinen Kindern?)

      Was das Herumrasen und Anderen-über-die-Füsse-Fahren betrifft, ist das Problem wohl eher mangelnde Erziehung als das falsche Fortbewegungsmittel.

      Unser Jüngster jedenfalls fährt, seit er zwei ist, mit dem Laufrad in den Kindergarten. Und zwar auf der (Neben)strasse! Die Geschwister mit dem Fahrrad vorneweg, er in der Mitte, ich mit dem Fahrrad hinterher. (Denn, da stimme ich voll und ganz zu: Kind auf Laufrad und Eltern zu Fuss, das geht nicht. Finde ich auch.) Mit knapp dreieinhalb stieg er aufs Fahrrad um (ohne Stützräder; denn wie das mit dem Gleichgewicht funktioniert, hatte er ja schon auf dem Laufrad gelernt) und fährt seidem sicher auch im Strassenverkehr damit.

      Für mich ist das Laufrad DIE Erfindung der letzten Jahre. Ehrlich.

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    2. Hallo Patsy!
      Also ich kann über das Laufrad nur Gutes sagen. Meine Kleine hat bereits ein tolles Gespür fürs Gleichgewicht bekommen, kann jederzeit mit den Füßen abbremsen und ebenso auch jederzeit vom Sattel runter steigen, wenn sie genug hat. Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum ein Laufrad nicht gut sein könnte, im Gegenteil! Das Laufrad ist ja quasi die Vorstufe zum Fahrrad. Ich kann das Laufrad wärmstens empfehlen. Aber auch den Roller, natürlich! :)
      Alles Liebe,
      Anna

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