08.07.2014

Montessori für Einsteiger - Teil 4


Übungen des praktischen Lebens

Was mich immer wieder bei Julia fasziniert, ist ihr Eifer, mit dem sie versucht ihren Alltag zu meistern. Was für mich bereits Gewohnheit ist, ist für sie eine spannende Herausforderung. Egal was ich zu Hause mache, kommt von ihr jedesmal der gleiche Ausruf: "Ich will auch mal!". So war das beim Sockenanziehen, beim Lichtschalter betätigen, beim Eier pellen und auch beim Butterbrot schmieren.

Sie will am Alltag teilnehmen, die Aufgaben geschickt und ohne meine Hilfe meistern, daher versuche ich, so oft es nur geht, sie im Haushalt miteinzubeziehen. Auch wenn ich dann mit der Arbeit (wesentlich) langsamer vorankomme. Aber für sie sind ihre Bemühungen eine echte Arbeit, die sie mit vollem Ernst verrichtet. Immer und immer wieder. Am liebsten würde sie dann 5-6 Butterbrote schmieren, alle Hemden im Schrank auf- und wieder zuknöpfen, alle Socken anziehen und kiloweise Eier pellen. Ihr ist egal, was das Ziel ist, sie will einfach nur diese Bewegungen üben. Tun um des Tuns willen.

Es gibt viele Gelegenheiten im Alltag, wo sie diesem Bedürfnis nachgehen kann, doch ist für sie bei vielen dieser Gelegenheiten nicht immer ersichtlich, ob und wo sie einen Fehler gemacht hat. Sie liebt es zu gießen und ich weiß genau, sie übt auch, damit sie in der Bewegung geschickter wird. Auch Wasser in der Badewanne oder Sand in der Sandkiste liebt sie hin- und her zu schütten, doch bleibt ihr jedes Mal die Herausforderung erspart. Denn wenn sie Sand schüttet und dabei etwas Sand daneben geht, merkt sie das vielleicht auch gar nicht, immerhin ist die ganze Kiste voll mit Sand. Wozu dann die Mühe?

Der Alltag steckt voller Übungsmöglichkeiten: Stecken, fädeln, rollen und falten, löffeln, ergreifen, gießen und schütten, tragen und halten, ziehen und schieben aber auch drehen und schrauben nur um ein paar Beispiele zu nennen. Hier ein paar Ideen aus unserem Alltag:


Als sie 13 Monate alt war, fädelte sie gerne die dicken Holzscheiben von ihrem IKEA-Turm auf dessen Ständer. Doch jedes Mal, wenn sie damit anfing zu arbeiten, schmiss sie kurzerhand die Holzscheiben uninteressiert durch die Gegend. Ich hatte das Gefühl, als wäre das für sie keine Herausforderung mehr. Ich stellte ihr eine CD-Spindel und einen Korb mit ein paar CDs hin um diese aufzufädeln. Eine echte und sinnvolle Herausforderung, ganz besonders die Aufgabe, die CDs danach wieder runterzukriegen. Sie übte damit sehr vertieft und wirklich lang.


Mit 15 Monaten stand sie permanent in der Küche um beim Ausräumen des Geschirrspülers zu helfen. Sie wollte immer etwas in den Besteckkorb stecken, doch mir war das nicht so recht, da waren auch echt scharfe Messer dabei. Also bot ich ihr diese Übung an: Kochlöffel in relativ schmale Behälter stecken, ohne das dieser umkippt. Geht aber auch mit Strohhalm und einer Vase o.Ä.


Tischtennisbälle mit einem Sieb aus einer Schüssel Wasser zu fischen macht nicht nur Spaß, es schult auch die gezielte Bewegung des Handgelenks. Noch schwieriger wird die Übung mit einem Schöpflöffel oder gar einem Esslöffel, denn hier wird dann Wasser transportiert und der Ball auch noch balanciert.


Auch beim Essenzubereiten half sie bereits mit 15 Monaten mit. Mit der Gemüsebürste ein paar Karotten abschrubben war eine tolle Koordinationsübung für die Hände: Etwas festhalten, gleichzeitig leicht abdrücken und dazu auch noch hin- und herbewegen.


Kurz vor ihrem 2. Geburtstag kaufte ich ihr diesen Nussknacker, damit sie das Schrauben üben kann. Später, ungefähr mit 26 Monaten stellte ich ihr Walnüsse in einer Schale dazu und zeigte ihr, wie das geht. Langsam und deutlich, dennoch mit fließenden Bewegungen. Für ein kleines Kind eben nachvollziehbar. Auch war ich sehr wortkarg um sie nicht unnötig von meinen Händen abzulenken.


Ein Tablett voller unterschiedlicher Dosen und Gläser, dazu einen Korb mit dem passenden Deckel - ein wenig Puzzlespiel, ein wenig Erforschen und ganz viel Üben.


Mit 20 Monaten übte sie dann das erste Mal einen Schwamm auszudrücken, so, dass dabei das Wasser von einer Schüssel in die andere transportiert wurde. Übungen mit dem Wasser findet sie bis heute besonders lustig.


Den Wasserhahn auf- und zudrehen und mit einem kleinen Stück Seife Hände zu waschen erfordert nicht nur viel Konzentration, es fördert auch die Geschicklichkeit.


Gewisse Küchenarbeiten erachtet sie bereits als ihren eigenen Posten. Wenn es darum geht, Champions zu schälen, Suppenwürfel auszupacken, Butterbrote zu schmieren oder Erbsen auslösen, ermahnt sie mich immer wieder: "Ich mach das!" Ich liebe, wie sie die Erbsenschoten beim auslösen studiert.


Schüttübungen mit zwei identen Bechern und Linsen mag sie auch gerne. Das Geräusch, das die Linsen dabei erzeugen aber auch die Herausforderung, keine der Linsen dabei zu verlieren findet sie ungemein spannend. Die Übung geht aber auch mit 2 Kännchen oder Reis, Mais o.Ä. Aber noch mehr Herausforderung ist es dann mit Wasser.


Eine Arbeit mit der Zuckerwürfelzange um die Zusammenarbeit der Finger zu üben, wobei im Wasser schwimmende Korken herausgefischt und ins Trockene gerettet werden.


Eine Löffelübung mit Kichererbsen. Den Löffel legte ich ihr zwischen die zwei Schüsselchen, damit sie sich entscheiden kann, mit welcher Hand sie löffeln möchte. Die Kichererbsen füllte ich in der linken Schale, damit sie nach rechts löffelt, eben so, wie wir in unserer Kultur lesen und schreiben.


Ich bastelte ihr einen Knopfrahmen mit großen Knöpfen und stellte ihr diesen auf ihr Regal, als sie anfing überall Knöpfe auf- und zuzumachen. Es muss aber kein Rahmen sein, wo Kinder üben können. Ein Korb mit 1-2 Hemden mit relativ großen Knöpfen passt genau so.


Socken paaren ist für sie eine lustige Puzzlearbeit. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte auch so viel Spaß dabei, wie sie.


Auch den Tisch deckt sie sehr gerne, oft entfernt sie dann alles wieder um erneut von vorne beginnen zu können.


Eine Übung, die sie vor kurzem entdeckte: Fingernägel bürsten. Sie war so begeistert, als sie sah, wie ich meine Nägel schrubbte, also besorgte ich ihr eine kleinere, handlichere Bürste. Ihre Lieblingstelle bei dieser Übung war die Bürste ordentlich mit Seife einzureiben.

Es ist für mich aber wichtig zu erwähnen, dass ich sie zu keiner dieser Übungen gezwungen habe, im Gegenteil: Diese Arbeiten waren ihre Interessen, die sie verrichten wollte und die ich für sie deshalb zugänglicher gestaltet habe. Ich mischte mich auch nie in ihre Arbeit, egal ob sie das halbwegs so machte, wie ich es gezeigt hatte oder lieber auf ihre eigene Art und Weise vorging. Sie machte diese Übungen, weil ihr diese Freude bereitet haben. Und letztendlich geht es doch bei Montessori genau darum: es soll einfach Spaß machen!

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die tollen Idee! Dein Blog ist einfach unglaublich inspirierend und schön zu lesen. Meine Kleine ist mit 10 Monaten leider noch ein bisschen zu jung für diese Übungen, aber ich muss sie mir unbedingt merken für später!

    Liebe Grüsse,

    Sophie

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  2. Zeigst du deiner Tochter wie es geht oder lässt du sie frei experimentieren?

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    1. Hallo!

      Nein, ich zeige ihr nicht immer wie etwas geht. Geht auch gar nicht, weil sie dies oft auch gar nicht zulässt. Und ich störe sie bei ihren Entdeckungstouren und in ihrer Forschungslust nicht, solange es nicht zu gefährlich wird. Wenn sie Hilfe braucht, dann wird sie schon zu mir kommen. Und so ist es auch. Dann zeige ich ihr, wie ich das mache und so oft, wie sie das will. Kann sein, dass sie danach einfach weggeht und lieber was anderes macht, aber an einem anderen Tag probiert sie die Übung dann doch noch aus. ;)

      Ganz liebe Grüße,
      Anna

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  3. Ich habe beim Ikeaturm eine ähnliche Beobachtung gemacht...ich glaube durch die Gummistange ist er unlustig zum Auffädeln...die Ringe rutschen nicht richtig...

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  4. Ich lese ganz neu bei dir mit und bin da gerade sehr inspiriert, ich hoffe es ist okay dass ich ein Bild auf meinem Blog zeige und von deinem Blog erzähle. Lg Astrid

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  5. Dank Astrids Blog-Post, wo sie auch deinen Blog vorstellt, bin ich also hier gelandet; und absolut BEGEISTERT!!! Vielen, vielen Dank für die vielen, wirklich guten Tips und Ideen!!! Ich bin ein bisschen sensibel, wenn es um Erziehungs-Lehren/Lifestyle-Varianten ect. geht und sofort überfordert, wenn etwas zu enthusiastisch oder dogamtisch proklamiert wird, aber du bringts auf so charmante, natürliche Art und Weise deine Ideen und Erfahrungen rüber, dass ich sofort Lust bekomme, ein paar davon auszuprobieren! Manches macht man vielleicht schon ganz ähnlich, einfach so aus dem Bauch heraus, anderes läuft vielleicht gerade nicht so, wie man es sich wünscht und man ist froh und dankbar um so tolle Erfahrungs-Werte wie du sie hier bietest! Toll! Toll! Toll! Erst noch so wunderschön und liebevoll bebildert... Dankeschön dafür! ich werde wiederkommen. Mit Freuden!
    Liebe Grüsse aus der kleinen Schweiz
    Bora

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