02.03.2015

10 einfache Garderobentipps nach Montessori


Egal wie sehr sie sich über Ausflüge in den Park, Wanderungen in den Wald oder über einen Tiergartenbesuch freute, es kam der Moment, wo es um unser Tagesprogramm kritisch wurde: in der Garderobe. Hier schien die Zeit plötzlich still zu stehen. Oder gar rückwärts zu gehen. Kennt ihr das auch? Es wurde plötzlich ein Handschuh vermisst, bereits mit angezogenen Schuhen oder Jacken noch ein Toilettenbesuch gestartet, die Strumpfhose für ungeeignet erklärt oder beschlossen, doch lieber mit dem Puzzle zu spielen. Ich war immer froh, wenn wir die Wohnung endlich verlassen konnten, ohne dabei schweißgebadet und/oder erschöpft zu sein.

Auch wenn ich nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen konnte, ein paar Änderungen in der Umgebung und beim Ablauf als auch die tägliche Routine haben unsere "Garderobenmomente" erheblich erleichtert.


1. Zugang schaffen

Schals, Hauben und Handschuhe liegen in einem Korb im Fach ihres Beistelltischchens und sind für sie immer griffbereit. Auch Jacken und Westen hängen für sie gut erreichbar auf einem niedrigen Kleiderhaken. Ich habe die Erfahrung gemacht, je näher der Korb und der Kleiderhaken sich an der Eingangstür befinden, um so besser, denn umso weniger besteht die Gefahr, dass unsere Tochter von etwas abgelenkt werden könnte. 

2. Entscheidungsfreiheit lassen

Ich sortiere den Inhalt des Korbes und den Bestand des Kleiderhakens immer wieder aus, so dass nur solche Jacken, Westen und Accessoires zur Verfügung stehen, die zur aktuellen Wetterlage passen. Wenn es zum Beispiel nicht regnet, verstaue ich ihre Gummistiefel rechtzeitig vorher im Schuhschrank. Sie hat eine Auswahl von 2-3 Sachen, ist aber nicht mit zu viel überfordert. Es erfordert mehr Engagement meinerseits den Korb und den Kleiderhaken auf seinen Bestand zu überprüfen, so kann sie aber selbst entscheiden was sie anziehen möchte und diese Entscheidungsfreiheit ist ganz wesentlich.


3. Schuhe anziehen leicht(er) gemacht

Ein bequemer Sessel in der Garderobe, wo sie sich zum Schuhe anziehen hinsetzen kann, erwies sich als ungeheuer praktisch. Ich legte ihr auch einen kleinen Schuhlöffel bereit und zeigte ihr, wie er funktioniert. Sie liebt ihn so sehr, dass sie auch tagsüber in die Garderobe geht und ihre Schuhe aus und anzieht, nur damit sie diesen Schuhlöffel benutzen kann.


Da sie ja noch keine Schuhbänder zusammenbinden kann, vermeide ich es, so gut ich nur kann, ihr Schuhe zum schnüren zu kaufen. Stattdessen besorge ich ihr lieber Schuhe mit Klett- oder Reißverschluss, die sie auch alleine anziehen kann. Manche Reißverschlüsse sind dennoch schwierig beim Auf- und Zumachen, bei diesen knotete ich auf den Schiebergriff eine zusätzliche Schnur, damit sie an dieser leichter ziehen kann.


Auf einem Kartonpapier zeichnete ich die Umrisse ihre Schuheinlage ab, schnitt diese aus und klebte sie anschließend auf ein anderes Kartonpapier. So kann sie vor dem Anziehen überprüfen, welcher Schuh zu welchem Fuß gehört. Ich bin kein großer Fan vom Laminieren, doch diesmal fand ich es recht praktisch, da sie ja ihre Schuhe tagtäglich auf diese Vorlage daraufstellt.

4. Ein Spiegel

Ein kleiner Spiegel in ihrer Augenhöhe wird liebend gerne zum Schal anziehen, zum Hauben zurecht rücken oder Lippenbalsam auf die Lippen aufzutragen benutzt. So kann sie vor dem Aufbruch noch einmal ihren Auftritt überprüfen. Auf dem Beistelltisch stehen ihr dafür ein Haarkamm, einige Haarspangen und Taschentücher bereit. Der Spiegel ist mittlerweile ein wichtiger Garderobenbestandteil und wird ebenso gerne auch als Putzobjekt benutzt.


5. Der Trick mit der Jacke

Dieser Trick, den ich ihr vor gut einem halben Jahr gezeigt habe, ist mittlerweile Routine und sie hat ihn sogar perfektioniert, indem sie vorher ihre Pulloverärmel festhält, damit diese nicht hochrutschen. Sie verwendet den Trick nicht nur für Westen, sondern auch für Jacken oder Gilets und er funktioniert nach wie vor einwandfrei.

6. Rechtzeitige Ankündigung

Noch in der Früh teile ich ihr mit, welches Programm für den Tag ansteht. Manchmal macht sie sogar selbst einige Vorschläge, so dass wir unser Programm umändern können. Noch lange bevor wir losstarten wollen, erinnere ich sie erneut an unseren Plan, so dass sie noch ihre Arbeit, falls sie gerade beschäftigt ist, in Ruhe beenden kann. Bereits als sie noch ein Baby war haben wir es uns angewöhnt, ihr mit wenigen Worten mitzuteilen was als nächstes passieren wird. Damals, dass sie frische Windeln bekommt, das sie nun von uns angezogen wird oder dass wir bei der nächsten Haltestelle aus der U-Bahn steigen. Es hilft ihr nun enorm bei der Orientierung und ein besseres Zeitgefühl zu bekommen und auch sprachlich profitiert sie sehr davon.

7. Gemeinsame Vorbereitung

Ich lade sie auch ein, mir beim Rucksack packen oder bei der Zubereitung der Jause zu helfen. Wenn auch nicht immer, ist sie doch oft mit viel Freude dabei. So kann sie auch mitentscheiden was wir mitnehmen sollen und sich auf unseren Aufbruch einstellen.



8. Zeit einplanen

Je jünger, umso mehr Zeit benötigt ein Kind. Bei allem. Und dabei mag es schon gar keine Hektik. Es ist ihm daher viel geholfen, wenn wir unser Tempo erheblich reduzieren. Aus diesem Grund plane ich meistens 15-20 Minuten extra ein, damit sie sich in ihrem Tempo anziehen kann. Ich versuche auch viel weniger zu reden um sie nicht unnötig abzulenken oder sie zu hetzen. In der Früh ist dies für mich besonders herausfordernd, doch musste ich feststellen, durch meine Hektik wurden wir nie schneller. Eher nur schlechtgelaunter.

9. Rituale und Routine

Rituale und Routine geben so viel Sicherheit und machen einiges leichter! Wir haben ganz viele Rituale, die den Großteil unserer Tage ausmachen: das Aufstehritual, das Einkaufritual, Koch-, Ess-, Zähneputz-, Schlaf- oder Garderobenrituale. Je routinierter etwas abläuft, umso einfacher fällt es einem Kind, sich zu orientieren. Vorbereitungen und Abläufe, die jedes Mal gleich bleiben, werden mit der Zeit automatisch. Unsere Tochter weiß mittlerweile was als nächster passiert und weiß daher auch was zu tun ist.

10. Verständnisvoll und spielerisch geht's oft leichter

Es gibt Tage, da will sie sich ganz alleine anziehen. Ich respektiere das und greife nicht ungefragt in ihr Tun ein. Es gibt aber auch solche Tage, an denen sie nach mehr Hilfe verlangt, auch bei Sachen, die sie Tage zuvor schon alleine meistern konnte. Sei es weil sie müde, hungrig oder gar schlechtgelaunt ist oder weil sie genau dann das Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit verspürt. Auch mir geht es an manchen Tagen so und ich gebe ihr dann auch gerade so viel Hilfe, soviel sie benötigt. Um ihr, aber auch mir zu liebe versuche ich diese Situationen mit Pfiff zu nehmen und denke mir aufmunternde Lieder über Mützen, Jacken, Schals oder über das Anziehen aus. Manchmal ergeben sich sogar ganz spontan Spiele daraus und ehe sie es bemerkt, hat sie sich zum Großteil doch noch selbst angezogen. Es ist wichtig Verständnis zu zeigen und genau so viel Hilfe zu geben, wie nötig, aber es ist ebenso entscheidend, dass Unabhängigkeit für uns beide weiterhin eine positive Erfahrung bleibt.

Kommentare:

  1. Toll geschrieben :)
    Wir haben in der Gaderobe keinen Platz für Stuhl oder extra Tische für die Kleinen leider. Haben uns eine Ecke im Kinderzimmer gesucht und dort werde ich nun auch einen Korb mit Mützen etc bereit stellen.

    Mich würde noch Interessieren wie eure Rituale denn aussehen? :)

    Liebe Grüße Sabrina

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  2. Sehr schön beschrieben - ich kenne das Anziehen und Weggehen auch als Konfliktsituation! Bei uns hat auch immer gut geholfen, wenn ich gefragt habe. "Wir gehen jetzt weg, was brauchen wir dazu?" Dann konnten sie selber nachdenken und hatten nicht so das Gefühl, dass über sie bestimmt wurde.
    Liebe Grüße, Vera

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  3. Liebe Mama vom Mars,
    ich liebe deinen Blog und versuche viel umzusetzen. Die Rituale bereiten uns aber echt Probleme (zumindest mir, meine Tochter liebt und braucht sie)
    Kannst du nicht mal einen Artikel, diesem Thema widmen?
    Liebe Grüße
    Maria

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  4. Danke für den Artikel. Da wir gerade umbauen, werde ich den Garderoben Tipp echt gern aufgreifen! Die Rituale interessieren mich auch sehr!!! :)
    Lieber Gruß Silke

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  5. Wieder ein wirklich toller Post! Ich habe auch schon oft an unserer Garderobensituation gebastelt. Körbe für Mützen, Handschuh, Schal und Co haben wir auch - nur das Aussortieren für die passende Witterung müsste ich mir antrainieren.
    Die Idee mit den einlaminierten Schuhsohlen finde ich total klasse! Das muss unbedingt auf meinen Merkzettel!
    Leider haben auch wir keinen Platz für einen extra kleinen Schemel oder Stuhl - dieser würde aber manches erleichtern!
    Dass man mit Ritualen besser kommt, merkt man ja oft in der Praxis, aber es sich so vor Augen zu führen und in Worten zu lesen, verdeutlicht das noch mehr und prägt sich so auch noch besser ein. Tut also immer wieder gut solch einen Beitrag zu lesen!

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  6. Darf ich fragen was das für tolle Schuhe sind?

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    1. Die Schuhe tragen den Markennamen Kavat. Siehe hier. ;)

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  7. Liebe Mama vom Mars,
    vielen lieben Dank für diesen Artikel und dass du einen Teil deines Lebens mit uns teils. Ich habe viele Inspirationen bereits umgesetzt und freue mich auf weitere... Toll, bitte weiter so machen!!!!

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  8. Also in meinem ganzen doch schon recht langen Leben, war ich noch nie in einem Vorzimmer, in dem nicht zumindest ein kleines Stockerl Platz gehabt hätte.
    Rituale sind für Menschen überhaupt wichtig, egal ob Kind oder Erwachsener. Aber ich denke, dass jede Familie seine eigenen finden muss. Nur dann ist das Ganze authentisch.
    Maria
    PS: Erzählen S und Ch in der Ausbildung noch immer viel von Emmi Pikler? Ich selbst beschäftige mich ja mittlerweile intensiv mit Freilernern......und finde das mit dem Wissen meiner Montessoriausbildung sehr interessant. Liebe Grüße

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    1. Hallo!
      Unser Vorzimmer hat nicht mehr als 6 m² und 3 Türen! Geht sich dennoch alles prima aus. ;)
      Nein, über Emmi Pikler hören wir kaum Vorträge, aber durch die Ausbildung kommt man um sie und auch um viele andere kaum herum ;). Dafür wurden die Vorträge und die Darbietungen von S und Ch viel detaillierter und genauer, bei der Gestaltung der Alben komme ich oft ganz schön ins Schwitzen! :)
      Liebe Grüße,
      Anna

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  9. Wirklich schoene ideen! Leider kann ich nur einen bruchteil davon umsetzen ... mit drei zwergen: 5j, 2j und 10m. Da gibt es so viele vorlieben/geschwindigkeiten/faehigkeiten/notwendigkeiten ...

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  10. Sehr interessanter Artikel mit tollen Ideen zum umsetzten. Besonders gut fand ich die Vorlage für die Schuhe...

    Was ich nicht verste ist, dass hier einige nach den Ritualen fragen...erstens gibt es da jede menge Ideen, wenn man z. B. googelt bzw. gibt es sogar Bücher! darüber und zweitens sollte jede Familie ihre eigenen Rituale entwickeln und zwar diese, die zu ihr passen...nur weil etwas bei einer Familie super funktioniert, heißt das nicht, dass es auch bei der nächsten funktioniert...

    Liebe Grüße und weiter so :)

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  11. Der Jackentrick ist so toll! wir haben ihn heute morgen ausprobiert und meine Tochter (3,5) war begeistert und solo stolz, dass sie das jetzt alleine schafft. Da wir in 3 Wochen umziehen überlege ich, ob wir nicht auch so eine kleine, feine Ecke einrichten... Wirklich eine tolle Idee!

    Viele Grüße
    Polli

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  12. Hallo Anna, ich möchte fragen, wo man den kleinen Schuhlöffel bekommen kann? Danke. Lena

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    1. Hallo! Wir haben unseren beim Humanic gekauft ;)
      Liebe Grüße, Anna

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  13. Liebe Anna,

    ich frage mich gerade, wie groß eure Wohnung ist? Wie bekommt ihr die verschiedenen Sachen unter. Ich bin gerade schwanger und möchte später gerne einige Ideen von dir umsetzen. Wir wohnen in einer 70 qm Wohnung, wobei der Flur eine Art ausgelagerte Küche ist. Ich kann mir kaum vorstellen, wo ich z.B. so eine Garderobe unterbringen soll. Wie ist das bei euch räumlich?
    Ich meine, dass ich irgendwo gelesen habe, das eure Wohnung auch gar nicht so groß ist.
    Liebe Grüße Nanne

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  14. Liebe Anna,

    auch von meiner Seite großes Lob für den Artikel. Unser Sohn ist auch sehr stolz, sich mit dem Trick nun die Jacken selber anziehen zu können. Noch eine Frage: wenn Ihr schon 30 Minuten fürs Anziehen an der Garderobe einplant, wieviel Zeit planst Du dann fürs morgendliche Anziehen ein?

    Lieben Dank und Grüße, Anja

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  15. Vielen Dank für die Tipps. Da ich eh gerade am neu Organisieren unserer Wohnung war, konnte ich diverses sehr gut gebrauchen :) Leider haben wir auch nur beschränkte Platz-Möglichkeiten...

    http://roxi-ch.blogspot.ch/2015/03/organisation.html

    Liebe Grüsse,
    Roxi

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  16. Alles super, aber - wie bleiben eure Sachen so sauber :D

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