15.05.2015

Warum Montessori-Kinder nicht gelobt werden - und was sie stattdessen bekommen


Schon als kleines Mädchen zeichnete ich gerne Bilder und hörte oft, wie toll ich dies kann. Egal, wem ich meine Bilder gezeigt habe, ich bekam ein 'Gut gemacht!' dafür und je mehr ich das hörte, umso mehr verlangte ich danach. Ich zeichnete im Kindergarten und bekam dafür ein 'Das hast Du gut gezeichnet!'. In der Schule wollte ich ganz besonders meine Zeichenlehrer und meine Freunde beeindrucken und konnte es kaum erwarten, auch von ihnen den Satz zu hören 'Anna, das hast Du ganz toll gezeichnet!'. Ich liebte es gelobt zu werden, ich wollte, dass alle stolz auf mich sind. Bis mich dann eines Tages jemand fragte: "Aber bist DU stolz auf Dich selbst?"

Warum werden Montessori-Kinder nicht gelobt?

"Wenn Kinder den Eindruck haben, das wir uns einfach gemeinsam mit ihnen über ihre Leistungen freuen, ist das in Ordnung. Falls sie jedoch den Eindruck haben, wir stülpen ihnen unsere Bewertungen über, so kann dies leicht ihr eigenes Gefühl dafür, wann und warum sie stolz auf sich sein können, verdrängen. Vielleicht beurteilen sie dann bald den Wert dessen, was sie tun, danach, ob es bei uns Anerkennung findet." Alfie Kohn, Liebe und Eigenständigkeit

In der Regelschule, wo ich früher unterrichtete, waren Gut gemacht!-Sätze das "Wundermittel" um Schüler voranzutreiben. Sie kamen und fragten ob sie ihre Arbeit gut gemacht hätten und erst wenn sie dafür ein Lob erhielten, waren sie zufrieden. Solche Sätze, wie Gut gemacht! oder Du bist der Beste! hört jeder gerne. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand das mag, was man macht. Die Sache mit dem Lob hat jedoch einige Nachteile.

Was passiert, wenn das Lob einmal ausbleibt? Wenn es für die Arbeit keine Belohnung gibt? In der Regelschule taten die Schüler nicht mehr so gerne ihre Arbeit, wenn sie diese überhaupt noch machten. Ihr Bestreben war ja schließlich eine Belohnung, ein Lob zu erhalten und kein Lob zu bekommen war für sie eine Niederlage. Lob funktioniert also nur, so lange es dieses gibt und am Besten, es wird immer mehr. Lob machte die Kinder abhängig. Sie wollten es und vertrauten kaum noch auf ihre eigene Meinung über ihre Arbeit. Sie waren stolz, wenn wir stolz auf sie waren. Doch was mich am meisten erschreckte war, dass sie Angst hatten, Fehler zu machen. Sie hatten Angst Neues auszuprobieren, denn damit hätten sie Fehler riskiert. Auch ihre 'gute' Position zu verlieren.


Was sie statt Lob bekommen

Aber woher sollen Kinder dann wissen, ob wir uns über ihre Leistungen freuen? Und woher sollen sie wissen, ob das, was sie tun, für andere okay ist? Und überhaupt: Jeder hat das Bedürfnis nach Bestätigung, nicht wahr?

Durch Montessori habe ich gelernt, dass es einen Weg abseits von Lob (und Bestrafung) gibt, indem ich Kinder bedingungslos liebe und sie statt zu loben, ermutige. Schließlich haben wir, die die Montessori-Philosophie leben, das Ziel vor Augen, Kindern Unabhängigkeit zu ermöglichen und sie in dieser zu stärken, nicht nur beim Handeln sondern auch beim Denken. Wir wollen, dass sie stolz auf sich selbst sind, dass sie das, was sie tun, in erster Linie für sich selbst tun, weil sie Freude daran haben. 

"Statt Lob zu verwenden, das den Blick auf bestimmte Verhaltensweisen lenkt - und bei Kindern den Eindruck erwecken kann, sie würden nur unter bestimmten Bedingungen geliebt -, sollten wir ihnen helfen, darüber nachzudenken, wie sie sind und wie sie sein wollen." Alfie Kohn, Liebe und Eigenständigkeit

Wie in der Montessori-Schule als auch zu Hause bemühe ich mich auf Lob zu verzichten. Was keinesfalls bedeutet, dass ich aufgehört habe positive Dinge zu den Kindern zu sagen. Es bedeutet lediglich, dass ich es mir gut überlege, was ich sage - oder ob ich überhaupt was sagen soll.


Wenn meine Tochter zum Beispiel mit einem Bild in der Hand zu mir kommt und sagt "Schau was ich gezeichnet habe", schenke ich ihr meine Aufmerksamkeit indem ich beschreibe, was ich auf dem Bild sehe, statt ihre Arbeit zu bewerten. Oft gerät sie dann richtig in Fahrt und erzählt begeistert was da alles zu sehen ist. Wenn sie etwas zum ersten Mal geschafft hat und sich laut darüber freut, so freue ich mich mit ihr und lasse sie dies mit einem 'Du hast es geschafft und weißt jetzt, wie das geht.' wissen.

Und oft sage ich zu ihr gar nichts und bin einfach nur da. Ich sage nichts wenn sie ihre Haare kämmt, fröhlich ein Lied singt oder, als wäre das das Natürlichste der Welt, sich von Kopf bis Fuß ganz alleine anzieht. Auch dann sage ich nichts, wenn sie die Haare nicht überall kämmt, das Lied welches sie singt neu von ihr komponiert ist oder etwas mal verkehrt anzieht. Was zählt ist, dass sie Freude daran hat, dies alles zu tun und vor allem, stolz auf sich selbst ist.

"Man kann einem Kind am wirksamsten zum Erfolg verhelfen, indem man alles in seiner Macht stehende tut, um die Liebe des Kindes für das, was es tut, zu fördern und indem man weniger darauf achtet, wie erfolgreich es ist. Anders ausgedrückt: Wir sollten mehr ermutigen, weniger urteilen und immer lieben." Alfie Kohn, Liebe und Eigenständigkeit


P.S.: Hier noch einige Links:

Kommentare:

  1. Ich finde, was du und wie du es geschrieben hast, sehr schön, habe aber eine kleine Nachfrage: Ist es schon zuviel Lob, wenn ich sage:"Super, jetzt hast du es geschafft, jetzt weißt du wie es geht." Denn ich bin dann stolz auf mein Kind, ich finde, dass es das super gemacht hat und ich frage mich, was mein Kind über Emotionen lernt, wenn ich diese nicht aussprechen darf.

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  2. Ein interessanter Beitrag! Vor allem, weil ich erst kürzlich mit einer Freundin darüber sprach. Grundsätzlich verstehe ich die Intention hinter dem "Nichtloben". Das einzige, was ich mir schwierig vorstelle, ist, ständig bewusst bestimmte Impulse (hier: das Loben) zu unterdrücken, sich quasi im Alltag so oft "auf die Zunge zu beißen". Ich hätte Angst, dass mein Erziehungsstill dadurch total verkopft wird und nicht mehr richtig authentisch ist.

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  3. Die Gefühle unbedingt echt ausdrücken! Nur den Text etwas ändern, so dass die BEWERTUNG wegfällt, statt dessen sagen was passiert. Wenn du dich freust, sag, warum du dich freust. Warum es FÜR DICH erfreulich ist.

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    1. Irgendwie widerspricht sich Das schon, denn wenn ich die Freude in den Augen meines Kindes( Enkel) sehe, wie stolz sie ist, wenn sie ein " Geschenk" gezeichnet hat, Zwillingen eineiig, ist nicht einfach, was ist schlimm, ihnen meine Anerkennung zu zeigen, z.B ich freue mich, dass du wieder was für mich gemalt hast, ich hänge es zuhause, gleich an die Wand, aber dann kommt, bei einer jetzt fünfjährigen: Hab ich es schön gemacht, und für mich ist es schön, und dann soll ich einen Vortrag halten, dass es nicht wichtig ist,ob schön oder nicht schön? Es zählt, dass ihr zufrieden seid mit euch, und ich freue mich über jede eurer Zeichnungen, sowas entspricht nicht meinem Charakter, ich würde gegen meine innere Einstellung agieren, das Kind merkt das!! Ich kann sehr lange darüber reden, warum man etwas lieber nicht machen sollte( also echte Verbote) aber leuchtende Augen ohne Anerkennung, das geht bei mir gar nicht"

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  4. Ich kann gut verstehen, warum du dein Kind lieber motivieren möchtest, als dauernd nur zu sagen wie gut es dieses oder jenes getan hat. Aber verzichtest du vollständig auf's Loben? Ich denke jeder von uns möchte doch hin und wieder ein paar nette, lobende Worte hören, oder? :-) Ein wirklich interessantes Thema und sehr schön geschrieben!

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  5. Ich merke, wie ich dazu neige, zu bewerten, obgleich ich das gar nicht tun will. Danke, dass du unsere Aufmerksamkeit darauf hin gelenkt hast. Ich werde achtsamer damit umgehen und versuchen, anders zu reagieren.
    ich denke, loben ensteht durch eine Angst, dass das Kind sich nicht wert geschätzt fühlt... oder weil man es einfach selber nicht anders kennen gelernt hat
    Ana

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  6. Sehr schön geschrieben! Der Grundgedanke ist sehr sinnvoll - ich glaube, man muss lernen, seinen elterlichen Stolz mit anderen (eben nicht wertenden) Worten auszudrücken, sich fdabei aber nicht zu verstellen, sondern authentisch zu bleiben. Ich weiß aus eigener Erfahrung , dass das nicht einfach ist. Immerhin sind die meisten von uns in der eigenen Kindheit noch sehr oft gelobt worden, was sich auch an unserer Leistungsgesellschaft widerspiegelt.
    Aber allein schon das Wissen und Bemühen kann viel bewirken.

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  7. Durch mein Kind habe ich angefangen mal über mich selbst nachzudenken und festgestellt, weil lobsüchtig ich selbst bin. Wenn ich etwas gebaut/gebastelt habe (egal wie befriedigend es auch war), ist immer erstmal wichtig, was die anderen sagen. Und ich habe gemerkt, dass ich mich dann auch von negativem Feedback total runterziehen lasse, auch wenn ich total viel Spaß bei der Sache hatte. Das möchte ich für mein Kind nicht. Daher loben wir auch nicht. Ich freue mich von Herzen mit meinem Kind, ohne Bewertungen einzustreuen. Die Reaktion der Großeltern war da allerdings sehr ernüchternd, da sie nun um so mehr loben...
    LG

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  8. Hallo! Das Buch ist wirklich gut, ich habe hier auch mal darüber geschrieben:
    http://cuchikind.blogspot.de/2015/03/pubertat-mit-3-und-wie-man-damit-umgeht.html
    Dass das was mit Montessori zu tun hat, wusste ich nicht.
    Das mit dem Nicht-Loben schaffe ich nicht und möchte ich auch nicht so wirklich. Mein Mann zum Beispiel sagt heute, dass er gerne mehr gelobt worden wäre von seinem Vater. Das richtige Maß macht es, denke ich.
    LG Steffi

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  9. sehr schöner Artikelt - wir versuchen das mit dem nicht-loben, sondern beschreiben und mitfreuen auch.
    Das Buch von Alfie Kohn ist auch mein absolutes Lieblingsbuch - wirklich das wichtigste Buch, was je über Kinder geschrieben wurde.

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  10. So fun to be included in your post Anna! Great book isn't it.

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  11. Danke für den Buchtipp von Alfie Kohn. Ich lese es gerade und finde es sehr interessant. Ich finde es auch sehr spannend, die selbst erfahrende Erziehung durch die Eltern zu reflektieren. Auch, um nicht einfach ohne zu überlegen, genauso weiter zu machen.
    Ich glaube, wer sein Kind ab und zu lobt, macht auch nichts Schlechtes. Aber wer sich immer im Kontinuum zwischen Loben / Belohnung und Bestrafung bewegt, vermittelt seinen Kindern eine Liebe, die stark an Bedingungen geknüpft ist. Welche negativen Auswirkungen das haben kann, beschreibt Alfie Kohn ausführlich.

    Ich bin selbst viel gelobt und für meine Leistungen gefeiert worden. Das hat letztlich mit dazu geführt, dass ich selbst gedacht habe, dass ich genau diese Leistungen auch immer abrufen muss. Ich habe immer wieder Versagensängste gehabt. Meine Eltern haben mich eigentlich bedingungslos geliebt, nur durch den Erziehungsstil ist es bei mir nie innerlich angekommen.
    Als Ergänzung: ich habe ganz tolle und liebe Eltern, die haben einfach den typischen Erziehungsstil mit Belohnung und Bestrafung angewendet, so wie sie es selbst von den Eltern aus kannten.
    Ich kann das Buch auch nur sehr weiter empfehlen.
    lg Nanne

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  12. ...so ein toller Artikel und so toll erklärt. Jetzt kann ich mir einige meiner Verhaltensweisen wirklich erklären! Bei meinen Kindern habe ich es zum glück intuitiv anders gemacht als ich es erfahren habe.
    Danke dafür!

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  13. Ich bin gerade eher zufällig auf Deinen Artikel gestoßen und finde ihn sehr inspirierend. So nehme ich eine gute Anregung von Deinem Blog mit und werde einmal mehr überlegen, wie ich das Thema mit dem nicht Loben für uns umsetzen kann. Ich habe mir auch schon einige Ideen von Deinen Bildern eures Montessori inspirierten Zuhauses geholt. Ich will nicht loben muß aber sagen, daß ich mich freue einen so kompetenten und durch tolle Beiträge und Bilder inspirierenden Blog gefunden zu haben. Herzlichen Dank für Deine tollen Artikel und Fotos.

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  14. Danke für den Artikel. Vor allem in Kombination mit den Kommentaren, die ja zum Teil auch die negative Seite des Nicht-Lobens, oder zumindest die Probleme die entstehen können, aufzeigen, regt der Artikel total zum Nachdenken an.
    Wo ich mich positionieren möchte, kann ich noch gar nicht sagen, aber meine Augen werde ich im Alltag mit Sicherheit offen halten.

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