03.05.2015

Wie wir die Unabhängigkeit unseres Kindes stärken


Unsere Tochter ist wie die meisten Kinder in ihrem Alter. Es gibt Tage, wo sie ihre Schuhe und Hosen glücklich und alleine anzieht aber auch solche, an denen sie öfters nach unserer Hilfe fragt. Tage, an denen sie ihren Alltag fröhlich und bereitwillig zu meistern versucht und dann wieder solche, an denen sie unsere Unterstützung braucht.

Unabhängig zu sein ist nichts, was wir ihr wirklich beibringen oder von ihr einfordern könnten, genausowenig könnten wir sie jemals davon abhalten, danach zu streben. Es ist ein fortlaufender Prozess, den wir als Eltern bemüht achtsam begleiten müssen. Nicht nur was die Umgebung anbelangt, sondern auch bei der Art und Weise, wie wir mit ihrer wachsenden Autonomie Tag für Tag umgehen. Indem wir ihr Unabhängigkeit ermöglichen. Wir versuchen viel von Montessori in unserem Zuhause umzusetzen und einige dieser Ideen habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst.

Wir beziehen sie im Familienalltag, so gut es nur geht, mit ein.

Wenn sie Lust und wir ausreichend Zeit haben, kochen und backen wir zusammen, hängen die Wäsche auf oder falten und legen diese gemeinsam weg. Wir gehen einkaufen, arrangieren hübsche Blumen in Vasen und gießen auch die Zimmerpflanzen gemeinsam. So komme ich zwar mit der Arbeit manchmal langsamer voran, aber für sie ist es so viel mehr, als nur Kochen, Falten oder Gießen. Es geht nicht nur um die Unabhängigkeit, sondern auch um die Beteiligung an gemeinsamen alltäglichen Aufgaben, das Verständnis von praktischen Abläufen und um Stolz und Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten.


Die Umgebung ermöglicht ihr Selbstständigkeit.

Auch die Bereiche in unserer Wohnung haben wir so eingerichtet, dass sie im Alltag jederzeit mitmachen oder sich gar selbstständig bedienen kann. So liegen für sie in der Küche in einer der unteren Schubladen einige Teller, Becher, Besteck und Kochwerkzeuge bereit. Nicht zu viel und nicht zu wenig, passend für den alltäglichen Gebrauch.


Neben einem Tritthocker von Ikea, mit dessen Hilfe sie die Arbeitsplatte in der Küche erreicht, haben wir ihr auch eine eigene kleine "Küche", ebenso aus Ikea-Möbeln eingerichtet, wo sie bequem und ungestört arbeiten kann. Ihre Werkzeuge sind handlich und echt, so dass sie echte Arbeit verrichten kann. Auch Obst und Müsli, sowie ein kleiner Krug mit Wasser und ein Glas stehen ihr hier zur Selbstbedienung immer bereit, sollte sie der kleine Hunger packen oder sie Durst bekommen.


Wie die Garderobe (die bei uns gerade mal 4 Quadratmeter groß ist), so gestalteten wir auch ihren Kleiderschrank übersichtlich und verschafften ihr Zugang zu ihren Sachen. Wir sortierten ihre Tücher und Hauben, ihre Socken, Strümpfe und Unterhosen in Körbe und klebten kleine Bilder passend zu jedem Klamottenstoß hin, damit sie weiß, wo sie was findet. Das Anziehen, ob Schuhe oder Hosen, geht auf einem kleinen Sessel sitzend um einiges leichter. Damit ihre Füße problemlos den Boden erreichen, haben wir die Sesselbeine etwas abgesägt. Nichtdestotrotz bevorzugt sie aber auch gerne den Boden beim Anziehen.


Früher, als sie den Wasserhahn im Badezimmer nicht einmal von ihrem Tritthocker erreichen konnte, wusch sie ihre Hände und Zähne an ihrem kleinen Waschtisch. Mittlerweile erreicht sie den Wasserhahn problemlos und so wurde aus ihrem Waschtisch wieder ein kleiner Frisiertisch.



Wir lassen sie vieles alleine machen, wie etwa ihre Haare und Hände waschen oder die Zähne  putzen. Sie hat einen kleinen Naturschwamm zum Baden, mit dem sie abends ihren ganzen Körper abwäscht. (Einen Naturschwamm zum Baden finde ich für die empfindliche und feinfühlige Kinderhaut am besten, weil er im Wasser so zartweich wird.) Zum Haarewaschen und auch zum Zähneputzen hat sie einen kleinen Spiegel, so kann sie genau beobachten, was sie tut. Zum Händewaschen liegen für sie in kleinen Dip-Schälchen von Ikea eine handliche Seife und eine kleine Nagelbürste parat.

Die Routine ist das A und O.

Doch mit der Umgebung alleine ist es nicht getan. Diese ist ein Teil ihres Alltages. Sie benutzt diese Gegenstände jeden Tag für echte Arbeit und um für sich selbst zu sorgen. Und wir begleiten sie dabei. Wir gehen gemeinsam zum Kleiderschrank um Klamotten herauszusuchen, putzen gemeinsam die Zähne und erinnern sie daran, sich die Haare zu kämmen. Eine Tagesroutine ist das A und O bei so jungen Kindern. Durch diese Beständigkeit im Tagesverlauf kann sie sich besser orientieren und weiß, was als nächstes passieren wird. Oft macht sie das dann bereits selbstständig. Dieser Ablauf schaut heute natürlich anders aus als noch vor einem Jahr oder vor zwei, die Änderungen geschehen durch sie, durch ihre Fähigkeiten und ihre Bereitschaft. 

"Helfen Sie nie einem Kind bei einer Aufgabe, bei dem es das Gefühl haben könnte, erfolgreich zu sein." - Maria Montessori

Wenn sie etwas alleine meistern konnte, strahlt sie vor Freude und Zufriedenheit. Ich weiß, wie sie sich dann fühlt, wie es ist, fähig, stark und frei zu sein.
Wenn ich ihr also helfe, dann stets mit der Einstellung, ihr genau zu diesem Gefühl zu verhelfen.

Um einen Pullover oder ihre Schuhe allein an- und ausziehen zu können, brauchte sie gewisse Fähigkeiten. Als sie bereits stehen und gehen konnte, wickelten wir sie im Stehen und überlegten uns genau, welche Bewegungen und Schritte für sie hilfreich sein könnten. Sie übernahm immer einen Teil der Aufgabe: So legten wir ihr den Pulli auf den Schoß und halfen ihr, die Öffnung zu finden und sie zog den Pulli dann über den Kopf. Wir hielten die Ärmel und sie lies ihre Hände hineingleiten. Wir zogen den Pulli auf dem Rücken zurecht, sie am Bauch herunter. So auch bei den Schuhen: Wir stellten die Schuhe auf die Schablone, sie steckte die Füße hinein. Wir zogen an den Riemen und sie machte den Klettverschluss zu. Bis sie dann immer mehr diese Schritte alleine versuchte. So lange sie nicht nach unserer Hilfe fragte, hielten wir uns dabei zurück. Wir bemühen uns ihr die geringste Menge an Unterstützung zu geben, genau so viel, so viel sie wirklich benötigt.


Sie ist natürlich viel langsamer als wir und braucht daher auch mehr Zeit. Dennoch greifen wir nicht in ihre Bemühungen unnötig ein, sondern planen lieber mehr Zeit für die Vorbereitungen und fangen dann etwas früher an. Oder wir nehmen es ganz einfach gelassen hin.

Wir lassen sie Entscheidungen treffen.

Mit 2 Jahren war sie mit der Freiheit, Entscheidungen zu treffen noch sehr überfordert. Daher boten wir ihr zwei Optionen an, aus welchen sie wählen konnte: entweder eine Banane oder einen Apfel zur Jause, das blaue oder rote T-Shirt, ein Tierbuch oder eins über den Sommer. So war sie nicht mit zu viel Freiheit überrumpelt und dennoch konnte sie selbst Entscheidungen treffen. Dann kam die Zeit, wo sie mit 2 Wahlmöglichkeiten nicht zufrieden war und sie schlug (von selbst) eine dritte Variante vor.

Wir lassen sie vieles von dem, was sie betrifft, selbst entscheiden und lassen sie die Erfahrung mit ihrer Wahl machen. (Dabei achten wir natürlich darauf, dass keine Verletzungsgefahr besteht.) Sollte es einmal doch nicht gehen, dass sie eine Entscheidung treffen kann, so führen wir mit ihr ein respektvolles Gespräch in Augenhöhe und suchen gemeinsam eine Lösung, die für alle passt.

Wir lassen sie sich irren.

Nichts kann mehr den Mut nehmen, als wenn man etwas mit viel Mühe alleine bewältigen konnte und dann gesagt bekommt, man hat es falsch gemacht. Das Wort "Falsch" habe ich, seit ich die Montessori-Ausbildung mache, sowieso aus meinem Wortschatz gestrichen. Solange sie nicht in Gefahr ist, korrigieren wir sie nicht, so dürfen auch die Schuhe umgekehrt angezogen oder die Haube mit der Innenseite nach außen aufgesetzt werden. Dann nehmen wir am nächsten Tag wieder die Schablone heraus und achten darauf, dass die Haube für sie passend im Korb bereit liegt. Oft merkt sie aber selbst, dass etwas nicht so richtig passt und besteht darauf, es noch einmal zu versuchen um den "Wurm" zu entdecken. Selbstständigkeit soll ihr Freude bereiten. Es ist doch eigentlich gar nicht wichtig, ob die Schuhe richtig angezogen wurden, das Wesentliche ist das Gefühl zu haben, fähig und unabhängig zu sein.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel! Da sind wirklich einige gute Tipps drin, die ich sicher ausprobieren werde :)

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  2. Was mich mal interessiert, als Mama von drei Kleinkindern (fast 3 und fast 2), wie setzt man sowas mit mehreren Kindern um die man nicht an jeder "Arbeitstation" bewachen will? Hier würden z.B die Äpfel sicherlich wieder angebissen im Korb laden. Habt ihr Ideen?

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    1. Hallo Katarina! Auch hier wird mal aus- und umgeräumt und gelegentlich landet auch ein angebissener Apfel im Korb, da ich auch nicht immer dabei sein kann und auch nicht will! Ich bewache sie schließlich nicht, sondern begleite sie bei Bedarf und bemühe mich, eher im Hintergrund zu bleiben als ständig präsent zu sein. Wenn ich merke, dass sie zum Beispiel einen angebissenen Apfel in den Korb zurückgelegt hat, nehme ich ihn, spreche sie darauf an und frage sie, ob sie für die Jause diesen Apfel mit dem Obstteiler oder lieber mit ihrem Messer aufschneiden möchte. Dass der Apfel so dort nicht bleiben kann, ist somit klar. Und dann macht sie den Rest alleine.
      Ganz liebe Grüße, Anna

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  3. Danke für die schöne Zusammenfassung - das ist sicher für viele Eltern hilfreich!
    Liebe Grüße, Vera

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  4. Ganz klasse! Sehr wertvoller Artikel! Danke!

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  5. Das ist ein sehr inspirierender Beitrag und vor allem das letzte Foto überzeugt ;). Meine Tochter hatte damals wochenlang eine Phase, in der sie sich ihre Mütze und ihre Schuhe bewusst verkehrt angezogen hat. Unglaublich wie oft uns fremde Menschen auf der Straße darauf aufmerksam gemacht haben ;)
    Ich denke, es ist nicht alles ganz so machbar, wenn man mehrere Kleinkinder im Alltag betreut, doch aufgeben sollte man die Idee dahinter dennoch nicht.
    Herzliche Grüße aus Wien
    Dita

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    1. Also wenn ein Kind mal(!) die Schuhe verkehrt anzieht, ist das sicher nicht wild, aber wochenlang? Bei ner Muetze ist es ne optische Sache, aber Schuhe sollten richtig sitzen! Falsch sitzende Schuhe (und auch zu kleine Socken) beguenstigen spaetere orthopaedische Probleme - und zwar nicht nur der Fueße, sondern auch der Huefte, des Rueckens etc.

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  6. Du begleitest nicht nur deine Tochter, sondern auch ein kleines Stückchen meine durch deinen Blog. Danke.

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  7. Ich verfolge schon seit längerem deinen Blog und bin begeistert wie toll du das alles umsetzt. Eine Frage: Hat deine Tochter wirklich nur so "wenige" Sachen oder sind das nur ausgewählte Sachen in ihrem Kleiderschrank?
    Ich finde die Idee mit dem offenen System und den Kärtchen nämlich toll, aber dafür haben wir glaube ich viel zu viele Sachen.
    LG Alex

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  8. Liebe Anna,
    ich lese mich seit Monaten quer durch euren Blog und liebe ihn! Herzlichen Dank für all die tollen Anregungen, breit gefächert und gut recherchiert! Wir haben auch schon vieles in unseren Alltag und unser Zuhause integriert!
    Würdest du mir bzw der Allgemeinheit verraten, wo du diese wunderschönen Kleiderschrankkarten her hast? Ich habe einige Grafiken im Internet gefunden, aber Kleider fehlen mir noch!
    Besten Dank und LG,
    Daniela

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    1. Liebe Daniela,
      die Kärtchen habe ich mit Bildern aus dem Internet selbst erstellt. Wenn Du möchtest, kann ich dir die Bilder via E-Mail zukommen lassen. Schreibe mir einfach eine kurze Nachricht auf elternvommars(at)gmail(dot)com, damit ich Deine Mailadresse habe. :)
      Hab ein schönes Wochenende!
      Alles Liebe,
      Anna

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  9. Hallo Anna,
    Ich "wühle" mich Grad als Mama eine 15 Monate alten Tochter durch deinen Blog und komme von einem Post zum nächsten. Wirklich tolle Ideen die du immer hast.
    Da Essen und Kochen auch immer interessanter werden überlege ich eine Spielküche zu kaufen bzw eher zu bauen.Nun habt ihr so gar nicht die klassische Kinderküche sondern alles quasi in echt und kein Spielzeug im klassischen Sinne.
    Ist das auch Montessori typisch?
    Ich frage mich nämlich auch ob es die typische Spielküche wirklich brauch ( zumal es die bei allen Freunden bzw in der Kita) gibt?

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