09.03.2017

"Wenn Ihr Kind es besser weiß als Sie"


"Angenommen, eine närrische Froschmutter würde ihren kleinen Kaulquappen im Teich sagen: 'Kommt heraus aus dem Wasser, atmet die frische Luft ein, vergnügt Euch im grünen Gras, dann werdet ihr alle zu starken, gesunden kleinen Fröschen heranwachsen. Kommt schon mit, Mutter weiß es am besten!' - Wenn dann die kleinen Kaulquappen versuchten zu gehorchen, würde es gewiss ihr Ende bedeuten.


Und doch ist dies die Art, in welcher so viele von uns versuchen, die Kinder zu erziehen. Wir sind darauf bedacht, sie zu intelligenten und nützlichen Bürgern zu machen, die einen guten Charakter haben sollen und die gute Manieren an den Tag legen sollen. Und so verwenden wir viel Zeit und Geduld darauf, sie zu korrigieren.


Dieses kleine Leben, das wir zu modellieren bemüht sind, braucht kein Drängen und Quetschen, kein Verbessern und Bemäkeln, um seine Intelligenz und seinen Charakter zu entwickeln. Die Schöpfung achtet auf die Kinder ebenso, wie sie dafür sorgt, dass die Kaulquappe zu einem Frosch wird, wenn die Zeit dazu da ist.


'Aber', höre ich Sie sagen, 'sollen wir die Kinder tun lassen, was sie wollen? Wie können sie wissen, was das Beste für sie ist, wenn sie keine Erfahrung haben? Und denken Sie, was für kleine Wilde sie würden, wenn wir sie nicht Manieren lehrten.'


Haben Sie jemals Ihren Kindern auch nur an einem Tag die Chance gegeben zu tun, was sie möchten, ohne dass Sie sich einmischten? Versuchen Sie es, und Sie werden erstaunt sein. Warten Sie und beobachten Sie, wie etwas ihr Interesse einfängt. Vielleicht sehen die Kinder Sie einen Schlüssel im Schloss drehen und wollen das auch tun. Oder sie wollen Ihnen fegen helfen. Oder sie möchten eben ein paar niedliche kleine Muster  mit Steinchen auf Ihren sauberen Flur legen. [...] Geben Sie ihnen den Schlüssel, suchen Sie ihnen einen kleinen Besen zum Fegen, lassen Sie sie das Muster auf den Flur legen und sehen, wie sie davon gefesselt werden.


Es ist oft nicht genug für Kinder, etwas ein- oder zweimal zu tun, sondern sie wollen die gleiche einfache Handlung wieder und wieder ausführen, bis sie einen inneren Drang gesättigt zu haben scheinen. Sie werden überrascht sein, wie sie vor Unfug bewahrt sind, wenn sie sich mit etwas beschäftigen dürfen, was sie wirklich interessiert. Aber wenn Sie ungeduldig eingreifen und irgendeine fesselnde Beschäftigung unterbrechen, zerstören Sie die Konzentration und Ausdauer Ihres Kindes. Und sehr wahrscheinlich wird sich das Kind mit bewusstem Unfug Luft verschaffen.


[...] Wir sind alle so eifrig mit unserem erwachsenen Froschwerk beschäftigt, dass wir vergessen, dass die kleinen Kaulquappen ihr eigenes Werk zu verrichten haben.

Aber wenn wir unsere ganze Haltung ändern und uns selbst sagen: 'Das Kleinkind weiß, was das beste für es ist. Lasst uns selbstverständlich darüber wachen, dass es keinen Schaden erleidet. Aber statt es unsere Wege zu lehren, lasst uns ihm Freiheit geben, sein eigenes kleines Leben nach seiner eigenen Weise zu leben.' Dann werden wir, wenn wir gut beobachten, vielleicht etwas über die Wege der Kindheit lernen."
  
Auszug aus dem Artikel: "When Your Child Knows Better Than You" von Dr. Maria Montessori 
an Eltern gerichtet,
aus der Zeitschrift: Daily Dispatch, 1932, 3. Februar

Kommentare:

  1. Da erinnere ich mir als Montessori-begeisterter-Vater doch glatt an die Worte deines Mannes:
    "Doch ich muss ehrlich gestehen, kein Strandurlaub der Welt hätte mich glücklicher machen können, als der Anblick meiner Tochter heute. Sie ist so ein offenes, fröhliches, tüchtiges kleines Mädchen, das gerne Butterbrote schmiert, Eier pellt und schneidet, Blumen in Vasen arrangiert und ganz und gar höflich ist.

    UND NIE HABE ICH SIE DIESE SACHEN GELEHRT ODER VON IHR ERWARTET."

    Viele Grüße an den Herrn Gemahl,
    Max

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  2. Na ja, der Vergleich mit der Froschmutter, die die Kinder an die frische Luft lockt, hinkt ja schon ein bisschen... Und ist zudem sehr antiquiert, in dem er sich auf eine Zeit bezieht, in dem der Anspruch an Kindererziehung und dem gesellschaftlichen Anspruch, wie Kinder zu sein haben, ein völlig anderer war, als er heute ist. Klar, aus unserer Sicht kein guter Erziehungsansatz, aber nicht unbedingt "närrisch", sondern eben aus einer anderen Weltsicht und anderen Wertesystemen entstanden.

    Und im Grunde -- egal wie gut unser Bestreben auch sein mag, mischen wir uns doch alle ein und machen unseren Kindern gewisse Vorgaben für ihre Entwicklung, allein schon mit der Grundsatzentscheidung, welchen Weg wir mit ihnen gehen wollen. Unkritisch auf die heutige Zeit bezogen, stört mich ein bisschen der unterschwellige Anspruch, dass allein der hier vorgeschlagene Weg der richtige sei. Und damit tue ich mich schwer.

    Eine unbeeinflusste Entwicklung von Kindern gibt es nicht -- es fängt ja schon damit an, welche Wertesysteme (und Möglichkeiten) die Eltern haben, genauso wie gesellschaftliche und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen. Und diese Vorgaben geben wir nun mal unseren Kindern von Anfang an mit.

    Im Grunde machst ja auch Du das: die Entscheidung für eine Montessori-orientierte Erziehung hast Du getroffen, weil es für Euer Wertesystem stimmig ist. Und Du gestaltest ihr Umfeld dementsprechend und schaust auf den Nutzen und Lerneffekt, den es hat. Und auch du hast eine gewisse Erwartungshaltung an das, was dabei am Ende heraus kommen soll. Irgendwie sind wir also doch alle Froschmütter -- nur vielleicht in unterschiedlichem Maße "närrisch", :-).

    Liebe Grüße ins schöne Österreich!

    Cheers,
    Corinna

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