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8 Mythen über Montessori (für zu Hause)


Über die Montessori-Philosophie und wie sie zu Hause gelebt werden kann, wird so manches gesagt. Und obwohl einiges davon auch zutrifft, wird auch einiges genauso oft missverstanden. Daher habe ich ein paar dieser Missverständnisse, über die ich bereits oft in Foren und diversen sozialen Medien gestolpert bin, notiert, mit dem Versuch, diese wieder ein wenig ins rechte Licht rücken zu können.

Mythos #1 - Es reicht, Zuhause alles nach Montessori einzurichten, dann geschieht "der Zauber" wie von selbst.

Eine mit Sorgfalt vorbereitete Umgebung, in welcher die Gegenstände für Kinder in passender Größe und für sie gut erreichbar sind, ermöglicht ihnen mehr Unabhängigkeit, ja. Aber auf die vorbereitete Umgebung alleine kommt es nicht an. Kinder brauchen auch Vorbilder, die ihnen immer wieder, mit viel Geduld zeigen, wie sie diese Umgebung sinnvoll nutzen können.

Kinder benutzen liebend gerne einen kleinen Besen und das Kehrblech und pflegen auch gewissenhaft die Pflanzen, wenn wir dabei selbst Vorbilder sind und sie immer wieder dazu einladen, mit uns gemeinsam diese Dinge zu tun. Und wie sie diese Dinge tun können oder wie sie etwas benutzen können, das schauen sie von uns ganz genau ab, oft ohne, dass wir das merken. Zum Beispiel, wie behutsam wir mit Gegenständen umgehen, wie wir die Türen leise schließen und die Dinge, die wir nicht mehr benötigen, wieder an ihren Platz zurück räumen. Anders gesagt: Eine sorgfältig vorbereitete Umgebung kann Kindern so viel ermöglichen. Aber dazu braucht es auch einen "vorbereiteten" Erwachsenen.

Mythos #2 - Die Räumlichkeiten zu Hause nach Montessori anzupassen braucht viel Platz und muss wie in den Einrichtungen aussehen

Aber zurück zu der vorbereiteten Umgebung: Es ist so schön zu beobachten, wenn Kinder auch zu Hause vieles im Alltag selbstständig machen können, weil die Wohnung an ihre Größe und ihre Bedürfnisse angepasst wird. Aber dazu braucht es weder viel Platz, noch muss es eine Menge kosten oder gar ein Spiegelbild der Montessori-Einrichtungen sein. Worauf es wirklich ankommt, ist, dass Kinder am Familienalltag teilnehmen können und sich dabei fähig und nützlich fühlen. Ganz egal ob mit 14 oder 30 Monaten oder mit 7 Jahren. 

Meine Kinder haben weder einen eigenen Kühlschrank, noch eine eigene Küche und nicht einmal einen sogenannten "Lernturm" zu Hause. Ich versuche, unsere Wohnung auch nach ihren Bedürfnissen einzurichten, aber diese Bereiche sind wirklich sehr simpel gestaltet. Viele meiner Freunde, die uns besuchen und die unsere Wohnung aus dem Blog kennen, sind überrascht, dass unsere Wohnung gar nicht so groß ist, wie sie auf den Fotos wirkt. Die Kinderzimmer sind 13-14 Quadratmeter groß und Jakobs Küchentisch steht in einer Nische, die gerade mal 1 Quadratmeter ausmacht. In unserer alten Wohnung, wo wir vor 4 Jahren wohnten, hatte Julia ein Zimmer, das gerade mal 6 Quadratmeter (mit Dachschräge) groß war, aber auch auf diesen 6 Quadratmetern war "Montessori" möglich.

Mythos #3 - Montessori zu Hause bedeutet, den Kindern möglichst viele Tablett-Ideen und Materialien anzubieten.

Ich denke, das ist eines der größten Missverständnisse wenn es darum geht, Montessori zu Hause umzusetzen. Den Kindern einige spannende Aktivitäten anzubieten, die ihren Interessen und Entwicklungsbedürfnissen entsprechen und es ihnen ermöglichen, konzentriert und selbstständig die Welt für sich zu entdecken, ist wunderbar. Aber das muss nicht immer etwas Gekauftes, Gebasteltes, etwas Ausgedrucktes oder Laminiertes und auf einem Tablett angerichtete "Spiel-Idee" sein. Verschiedene Tätigkeiten rund um den Haushalt und im Garten bieten doch so viel! Auch in die verschiedensten Handarbeiten können Kinder versinken und ihre Hände sinnvoll gebrauchen.

Wie ich bereits in diesem Beitrag schrieb, sind es nicht diese Materialien und "Spielideen", die Montessori ausmachen, sondern vor allem die innere Haltung. Die Bereitschaft, sich zu reflektieren und sich seiner Vorbildrolle bewusst zu werden, besonders bei dem, was man tut und was man sagt, wie man Konflikte löst, anderen Menschen begegnet und wie man selbst in der Welt lebt. Verantwortungsbewusst sich, anderen und seiner Umwelt gegenüber.

Mythos #4 - Nach Montessori müssen Kinder vieles alleine machen.

Nein, müssen sie nicht. Aber sie KÖNNEN! Und dieser kleine, feine Unterschied ist bedeutend, insbesondere was die Haltung dahinter betrifft! Auch meine Kinder fragen mich nach Hilfe, aber ich versuche ihnen immer nur so viel zu helfen, wie notwendig und so wenig, wie nur möglich. Manchmal bedeutet das, dass ich Julias Kleiderschrank aussortiere, so dass sie besser mit dem Inhalt und mit dem Wegräumen ihrer Klamotten zurechtkommt. Und manchmal bedeutet es, dass ich Jakob beim Anziehen die Hose hinten hochziehe, während er diese vorne hochzieht, so dass er spürt, etwas für sich selbst tun zu können und dabei auch Erfolg hat.

Dr. Montessori postulierte: "Never help a child with a task at which he feels he can succeed." (Helfe niemals einem Kind bei etwas, bei dem es das Gefühl haben könnte, erfolgreich zu sein - eigene Übersetzung). Es geht nie darum, dass Kinder etwas alleine tun müssten. Es geht viel mehr darum, ihnen so oft, wie möglich das Gefühl zu geben, fähig zu sein! Sei es, dass ihr Weg zum Erfolg über einen Irrtum oder große Anstrengung führt. Umso mehr werden sie dann auf ihren Erfolg stolz sein.

Mythos #5 - Montessori lässt sich zu Hause mit einem Kind viel einfacher umsetzen.

Früher dachte ich das auch. Aber mittlerweile sehe ich das ganz anders. Ja klar, mit einem Kind lässt sich die Umgebung schneller und einfacher vorbereiten und auch zum Beobachten bleibt mehr Zeit. Auch Julia hatte als Erstgeborene das Privileg, von uns Eltern jede Menge ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie musste zu Hause mit niemanden ihre Materialien und die vorbereitete Umgebung teilen, selten auf etwas warten und sich auch keinem anderen Kind anpassen. Was allerdings nicht unbedingt zu ihrem Vorteil war.

Jakob hatte als Zweitgeborener das Privileg der ungeteilten Aufmerksamkeit seltener, aber er profitiert enorm davon, dass er von Anfang an ein Geschwisterchen hat. Und seitdem Julia eine große Schwester ist, lernt auch sie jede Menge dazu, auch wenn es dadurch oft laut wird, weil es zwischen den beiden zu Streitereien kommt. Sie erfährt zum Beispiel, was es bedeutet, für jemand jüngeres ein Vorbild zu sein, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen kann, sich und ihre eigenen Grenzen besser spüren kann und was es bedeutet, jemanden zu respektieren, auch wenn diese Person noch so jung und unerfahren ist. Und plötzlich machen auch gewisse Regeln mehr Sinn, wie etwa, dass wir einander bei der Arbeit nicht stören oder Gegenstände, die wir nicht mehr benutzen, wieder wegräumen, so dass der andere sie auch anfinden und benutzen kann.

Mythos #6 - Ab dem Schulalter lässt sich Montessori zu Hause nicht mehr wirklich (oder nur teils) umsetzen.

Vielleicht sehen ab dem Schulalter die Spielregale und die Kinderzimmer nicht mehr so ordentlich aus. Aber selbstverständlich haben auch Schulkinder und Jugendliche Entwicklungsbedürfnisse und brauchen ebenso unsere Achtsamkeit und unser Vertrauen, damit sie unabhängig sein können. Damit sie ihren Platz in der Welt finden können.

Wie gesagt, es geht nicht darum, ihnen Tablett-Ideen oder Spielsachen anzubieten. Und schon gar nicht darum, Kindern immer irgendwelche "Beschäftigungs-Ideen" anzubieten. Es geht darum, sie zu verstehen, sie in ihren Entwicklungsbedürfnissen wahr und ernst zu nehmen und dabei bereit zu sein, uns selbst zu reflektieren. Sie zu lieben, zu ermutigen und dann auch loszulassen. Ihnen zu zeigen, wie schön diese Welt ist und wie wichtig darin alles lebende und nicht lebende ist. Ihnen zu zeigen, wie wichtig sie sind und wie sehr wir ihren Fähigkeiten vertrauen. Und wenn Schulkinder dann zum ersten mal ganz alleine einkaufen gehen, wenn sie von ihrem Taschengeld zum ersten mal etwas wirklich selbst kaufen können oder vielleicht sogar zum ersten mal ohne Hilfe das Mittagessen für die Familie kochen, macht es sie unglaublich stolz und stark.

Mythos #7 - Montessori ist nicht für jedes Kind geeignet.

Bei Montessori ist es unser Ziel, jedes Kind dort abzuholen, wo es gerade steht und ihm helfen, seinem inneren Bauplan folgend, sich selbst zu formen und Herr seines Selbst zu werden. Dr. Montessori beobachtete ihr Leben lang weltweit Kinder in jeder Altersstufe und je nach dem, was sie bei den Kindern beobachten konnte, entwickelte sie passende Materialien und gründete Einrichtungen, in welchen sich Kinder nach ihrem eigenen Tempo und nach ihren Entwicklungsbedürfnissen entfalten und sich offenbaren konnten. Ihre Philosophie basiert also nicht auf irgendwelchen Thesen, sondern rein auf Beobachtungen und ist von Respekt gegenüber und Liebe zu den Kindern geprägt. Wie könnte so eine, sich an den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen orientierende Haltung, nicht für jedes Kind passen?  

Mythos #8 - Montessori ist nicht mehr aktuell und müsste überdacht werden.

Auch wenn die Montessori-Pädagogik schon über 100 Jahre "jung" ist, hat sie für mich kein bisschen von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil! Wäre es nicht mehr denn je wichtig, dass die nächsten Generationen eine Gesellschaft bilden, die friedvoller und verantwortungsbewusster zusammenleben kann, die kreativ, selbstbewusst und wertschätzend ist und fähig ist, aus den eigenen Fehlern zu lernen?

Außerdem verändert sich die Montessori-Pädagogik laufend. Manche Darbietungen und Materialien werden durch erfahrene und fachkompetente Montessori-Pädagogen weltweit gemeinsam diskutiert, überdacht und neu angepasst, je nach dem, was sie bei den Kindern beobachten konnten und je nach dem, welche neue Schriften von Dr. Montessori ans Tageslicht kommen. Auch ich besuche laufend Kurse und Vorträge, um mich auf dem Laufenden zu halten und um mein Fachwissen aufzufrischen. Wie gesagt, diese Pädagogik basiert auf der Beobachtung von Kindern und wird daher laufend optimiert. Für die Kinder.

Etwas für mich wichtiges möchte ich noch anmerken: Kein Mensch ist perfekt, sollte sie oder er noch so ein großes "Montessori-Herz" haben. Fehler zu machen, gehört zum Lernen dazu und wir alle sind Lernende. Falls einige von Euch mit der Montessori-Pädagogik eine schlechte Erfahrung gemacht haben, bitte schließt keine voreiligen Schlüsse und bezieht es nicht auf die gesamte Philosophie.

Was diese Mythen betrifft, so gibt es wahrscheinlich noch einige davon, die ich hier nicht aufgelistet habe. Fühlt Euch daher eingeladen, Eure Erfahrungen und Gedanken durch das untere Kommentarfeld mit mir zu teilen.

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1 Kommentar:

  1. Liebe Anna,
    Danke für deine inspirierenden Beiträge! Ich gebe dir recht, dass es bei Montessori vor allem darum geht, hinzuschauen in welcher Phase das Kind sich befindet und was es gerade braucht. Am meisten Schwierigkeiten bereitet mir dabei das Zimmer meines 7-jährigen. Es ist immer zu angeräumt, um wirklich übersichtlich und einladend zu sein! Und dabei spreche ich gar nicht von Plastik-Ramsch, den wir schon seit einiger Zeit erfolgreich vermeiden. Aber selbst an hochwertigen Spielsachen und schönen Büchern gibt es mittlerweile doch eine ganze Menge. Wie machst du das denn genau mit dem Ausräumen? Hast du wo ein Lager im Keller?? Als er noch kleiner war, war es für mich leichter zu erkennen, was für ihn gerade interessant sein könnte, aber jetzt… ob er mit der Brio-Eisenbahn, die gerade im Keller gelandet ist nicht doch morgen etwas tolles machen würde?? Ob ihn statt der alten Ägypter nächste Woche doch wieder die Insekten interessieren? Über Tipps und einen Einblick wie du das machst, würde ich mich sehr freuen!
    Alles Liebe, Karin

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