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Montessori macht uns nicht zu perfekten Eltern! - Und auch Kinder nicht zu "perfekten" Kindern!


Seit 5 Wochen sitzen wir mittlerweile wegen Corona zu Hause in der Isolation fest. Das heißt, die Kinder und ich, denn mein Ehemann muss nach wie vor in die Arbeit fahren. Tagsüber bin ich also alleine mit den Kindern und versuche, neben dem ganz gewöhnlichen Haushalt, meinem Schulkind Darbietungen zu geben, oder es zu managen, damit es gut alleine arbeiten kann, während ich seinem kleinen Bruder mit möglichst sinnvollen Aufgaben bei Laune zu halten versuche. Und wenn ich dann noch eine halbe Stunde am Tag finde, wo es im Haus tatsächlich etwas ruhiger ist, setze ich mich zum Laptop, um meine Eltern-Webinars zu planen und hier meine Gedanken abzutippen. Randnotiz: Diesen Beitrag habe ich vor gut einer Woche angefangen zu schreiben. So viel zum Thema ruhigere Minuten im Haus...

Die Webinars, die ich Abends anderen Eltern über Montessori zu Hause anbiete, fühlen sich umso mehr wie mentale Ruheoasen an. Endlich Zeit, mich in etwas ungestört zu vertiefen. Endlich Zeit, meine Gedanken auch mal zu Ende denken zu können. Und ich merke, wie gut es wiederum anderen Eltern tut, wenn ich ihnen erzähle, wie oft ich am Tag in dieser Isolation an meine Grenzen komme, wie oft sich meine Kinder streiten und wie sehr ich mich jeden Tag darauf freue, wenn am Nachmittag die Wohnungstür aufgeht und ich die Stimme meines Mannes höre: "Hallo meine Lieben! Ich bin wieder da!" Weil es vielen Eltern ähnlich geht, wie mir, die sich jedoch Vorwürfe machen, warum sie trotz Montessori mit ihren eigenen Kindern so ungeduldig werden.

Montessori macht uns nicht zu perfekten Eltern!


Ich denke, der größte Mythos von allen, der sich im Netz hartnäckig durchsetzt, ist der, dass Montessori uns zu "perfekten" Eltern machen könnte. Zu solchen, die immer alles richtig und fehlerfrei machen. Es stimmt schon, dass die Vorbereitete Umgebung oft so perfekt erscheint. Klar, denn je jünger die Kinder sind, umso wichtiger ist die Klarheit in ihrer unmittelbaren Umgebung. Und ja, auch die Materialien sind sehr ansprechend und durchdacht und viele von uns wünschten sich, ihre Kinder könnten durch diese die Welt mit Freude entdecken. Doch was Kinder weder brauchen, noch was Montessori uns je bieten könnte ist es, dass wir perfekte Eltern werden.

Was ich durch Montessori lernen konnte, war, Dinge völlig anders zu sehen. (Meine) Kinder mit anderen Augen zu sehen. Ihre Entwicklungsbedürfnisse besser zu verstehen und diesen daher anders zu begegnen. Ich lernte, dass Vorbild zu sein weit mehr ist, als "Danke" und "Bitte" zu sagen. Weil ich nicht nur darin ein Vorbild bin WAS ich tue, sondern vor allem darin, WIE ich BIN. Wie ich in der Welt lebe. Wie ich anderen Menschen aber auch mir selbst begegne. Ich lernte auch, Fehler mit anderen Augen zu sehen. Dass es okay ist, Fehler zu machen, denn diese gehören zum Lernprozess dazu. Dass es daher nicht darauf ankommt, Fehler zu vermeiden, sondern darauf, wie ich mit diesen umgehe - ob ich an diesen wachsen kann.

Und vor allem lernte ich, dass mich all meine Fehler, an denen ich wachsen kann, all meine Bedürfnisse, die ich mir zugestehe, dass all meine Zweifel, meine Sorgen, meine Dankbarkeit und Freude, die ich verantwortungsbewusst tragen kann, - dass meine Unvollkommenheit mich bereits zu einer ziemlich perfekten Mama machen.

Montessori macht auch Kinder nicht zu "perfekten" Kindern!


Das Zimmer meiner 8 Jahren alten Tochter (die bei jeder Diskussion das letzte Wort haben muss) wird jeden Tag aufs neue verwüstet. Ihr kleiner Bruder (bald 3 Jahre alt) schreit sofort halslaut, wenn es ihm nicht gelingt, aus den Holzgleisen die Brücke für seinen Zug zu bauen. Und was die beiden betrifft, so streiten sie zurzeit unglaublich viel und laut. Und das, obwohl beide bisher ausschließlich Montessori-Einrichtungen besucht haben und auch wir zu Hause bemüht sind, Montessori zu "leben".

Während aber Julia in ihrem chaotischem Zimmer sitzt, verschlingt sie entweder spannende Bücher über griechische Sagen oder kreiert aus Ton winzige, unglaublich filigrane Figuren aus dem Kopf heraus. Und obwohl es sie momentan nicht besonders kümmert, wie ihr Zimmer aussieht, so gibt es dennoch keinen Tag, wo sie nicht ihre kleinen Blumen und Pflänzchen auf der Terrasse umsorgen würde. Bevor sich Jakob seiner Holzeisenbahn widmet, holt er seine Jogginghose und ein T-Shirt, zieht seinen Pyjama aus und seine Hose und Oberteil an. Ganz ohne Hilfe. Und auch wenn sich die beiden schon Minuten später gleich wieder laut zu streiten beginnen, fallen dabei sehr oft gewaltfreie Sätze wie "Ich mag es nicht, wenn Du mir etwas aus der Hand nimmst ohne zu fragen." oder "Ich will selber entscheiden. Es ist meine Arbeit!". 

Sich für den Montessori-Weg zu entscheiden, in der der Hoffnung, die Kinder würden sich dadurch in immer ordentliche, debattierunwillige Kinder verwandeln, wird sehr wahrscheinlich zu einer bitteren Enttäuschung. Den Montessori-Weg zu gehen, bedeutet nicht, weniger Herausforderungen meistern zu müssen oder weniger Krisen durch zu stehen. Und schon gar nicht, dass Kinder dadurch perfekt(er) werden, (als sie ohnehin schon sind).

Warum Montessori unser Familienleben jenseits der Perfektion bereichert


Aber es ist ein Weg, durch den wir unglaublich viel über die Entwicklungsbedürfnisse unserer Kinder und unglaublich viel über uns selbst als Eltern lernen können. Ein Weg, bei dem wir als Eltern sehr oft an unsere eigenen Grenzen kommen werden - aber dadurch auch lernen können, unsere eigenen Bedürfnisse zu sehen, zu akzeptieren und uns darin zu üben, diese gewaltfrei zu kommunizieren.

Es gibt in dieser (bei uns bereits seit 5 Wochen andauernden) Corona-Isolation keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an meine eigenen Grenzen kommen würde. Wo ich mir nicht wünschte, bitte, bitte, nur für ein paar Stunden auf einer einsamen Insel zu sein. Aber es gibt ebenso keinen einzigen Tag, an dem ich nicht etwas positives dazulernen würde - kein Tag, an dem ich durch meine Kinder nicht daran erinnert werde, wie wichtig es ist, ihnen Authentizität, Toleranz, Dankbarkeit, aber auch den Umgang mit den eigenen Fehlern vorzuleben. Dass es okay ist, Fehler zu machen. Weil das nicht nur menschlich ist, sondern Teil des Lernprozesses. Und dass es wichtig ist, sich für diese Fehler auch bei den Kindern zu entschuldigen.

Dieses Zitat habe ich zwar schon Jahre zuvor in einem früheren Beitrag abgetippt, aber ich finde, gerade jetzt in dieser herausfordernden Zeit der Isolation tut es gut, sich immer wieder daran zu erinnern:

"Elternsein hat nichts mit Perfektion zu tun. Perfektion ist gar nicht einmal das Ziel, nicht für uns, nicht für unsere Kinder. Gemeinsam lernen, um in einer unvollkommenen Welt gut zu leben, trotz oder gerade wegen unserer Unvollkommenheit einander zu lieben, und als Mensch zu wachsen, während unsere kleinen Menschen heranwachsen, das sind die Ziele einer einfühlsamen Erziehung. Frage Dich also am Ende eines Tages nicht, ob Du alles richtig gemacht hast. Frage Dich, was Du dabei gelernt hast und WIE SEHR DU GELIEBT HAST, und dann wachse mit der Antwort." (L. R. Knost)


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Kommentare:

  1. Oh wie schön, von dir zu lesen und danke für diesen tollen, ehrlichen Text. Wobei ich dir in einem Punkt widersprechen möchte: Doch, Montessori macht unsere Kinder zu perfekten Kindern. Einmal macht es sie zu perfekten KINDERN, weil sie eben genau das sein dürfen. Keine herangezüchtete Mini-Version von Erwachsenen. Und es macht sie zu PERFEKTEN Kindern, weil Montessori-Kinder sie selbst bleiben dürfen. Sie werden nicht gezogen und gezüchtet, bis sie irgendwelchen Ansprüchen genügen. Sie sind in ihrem Wesen authentisch. Und das macht sie perfekt. Aber im Grunde weiß ich, was du meinst :-) hab ich schon erwähnt, wie schön es ist, wieder etwas von dir zu lesen? :-)

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  2. Ganz, ganz vielen Dank für diese Worte. Ich habe hier schon immer mitgelesen und auch in den letzten anstrengenden Wochen immer wieder reingeschaut, ob es vielleicht neue Einträge gibt. Es beruhigt mich unheimlich, dass die Realität - gerade in so einer fordernden Zeit - nicht so aufgeräumt, konfliktfrei und harmonisch aussieht, wie man das bei Montessoribildern und -texten oft denkt. Unser Sohn geht auf eine Montessori-Schule (ist auch 8) und die Tochter auf eine zumindest montessorinahe KiTa. In den letzten Wochen habe ich oft damit gehadert, überlegt, ob unser Umgang zuhause vielleicht nicht wertschätzend genug war/ist, ich selbst zu chaotisch bin, um den Kindern Struktur und vorbereitete Umgebung zu bieten usw. usf., weil der eigentlich an Wochenpläne gewöhnte Sohn häufig völlig unmotiviert ist, es ständig Streit gibt, die Sachen nicht aufgeräumt werden etc. Die Belastung dieser Zeit (zumal hier auch noch in wenigen Tagen Kind3 zur Welt kommt) auch mal mit Kinderaugen zu sehen und vor allem die positiven Dinge nicht zu übersehen, musste ich erst richtig üben und der Beitrag hilft mir nochmal dabei. :). Euch alles Gute weiterhin!
    LG Maren

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  3. Hallo Anna! Ich bin gerade auf der Suche nach einem CD Player für meine Tochter, die nächste Woche 5 wird. Kannst Du euren empfehlen? So ein vertikales Gerät würde gut auf ihre schmalen Regale passen. Liebe Grüße, Monika

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  4. Danke für den tollen Artikel, hat mir grad gut getan! Eine Frage habe ich noch, unser Sohn 7 interessiert sich auch sehr für griechische Sagen- hast du mir einen Buchtip? Einen lieben Gruss aus dem Südtirol. alexandra

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