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Werden Montessori-Kinder wirklich weltfremd?



Dieser Meinung, dass die Welt einfach nicht so tickt, wie die Welt innerhalb eines Montessori-Hauses oder eben nach dieser Lehre, mögen wohl manche sein. Immerhin gibt es in unserer Gesellschaft sehr wohl Strafen (Gefängnis, Geldstrafen, Entlassungen...) und auch Belohnungen (Gehaltserhöhung, Bonus-Prämie, Auszeichnungen...), sowie Befehle, die man befolgen muss, ohne wenn und aber. Werden dann all die Kinder, die nach der Montessori-Philosophie, ohne Strafen und ohne Loben allerdings mit viel Freiheit aufwachsen tatsächlich weltfremd?

Wer ein Montessori-Haus von Innen erleben kann, wird bald feststellen, dass dort ein sehr ruhiges und starkes Gemeinschaftsleben stattfindet. Es gibt dort auch gewisse Regeln, an welche sich jeder halten muss. Wenn mal eine Regel von einem Kind ignoriert wird, muss es die Verantwortung dafür tragen, das heißt, den Fehler korrigieren oder den Gegenstand ersetzen. Durch die Tatsache, dass die Verantwortung den Kindern gegeben und nicht für sie getragen wird, lernen sie weit aus mehr, als würde man sie beleidigen, demütigen, bestrafen oder ihnen ihre Freiheit nehmen. Strafen wird schlichtweg unnötig. Denn diese Kinder lernen schnell: für ihre Taten sind sie verantwortlich. In der großen weiten Welt gibt es Strafen, ja. Die sind nötig, weil eben nicht alle Menschen verantwortungsbewusst handeln. Wäre aber doch schön, wenn sie es doch täten, oder? Ist in diesem Ansatz von Montessori nicht die Hoffnung auf eine schönere, friedlichere Zukunft zu sehen?

Belohnungen werden in unserer Gesellschaft als motivierend angesehen. Meiner Meinung nach aber besteht zwischen "Arbeiten-müssen-um-Geld-zu-verdienen" und "Die-Arbeit-genießen-und-dabei-Geld-verdienen" ein wesentlicher Unterschied. Es ist nicht egal, ob ich das was ich tue gerne mache, oder nur weil ich dafür was bekomme. Wenn ein Kind also für eine Tat belohnt wird, ist dies für mich Konditionierung. Dabei konnte ich selbst erleben, wie viel Freude es einem Kind bereiten kann etwas zu tun. Auch ohne dafür gelobt zu werden. Ja, in der "Außenwelt" gibt es Belohnungen. Wenn man aber die Freude an dem was man macht entdeckt und nicht nach einer Belohnung strebt, hat man wesentlich mehr gewonnen.

Kinder, die nach der Montessori-Philosophie aufwachsen, wachsen nicht auf einem anderen Planeten auf. Sie leben in dieser Welt, hier in dieser Gesellschaft und wissen sehr wohl, dass man Geld verdient um die Familie und sich selbst zu erhalten, sie wissen, dass man vor Gericht kommt, wenn man betrügt und wissen, dass man fürs Falschparken eine Geldstrafe zahlen muss. Aber durch diese montessorische Grundhaltung in ihrer Kindheit werden sie starke und selbstständige sowie selbstbewusste Menschen die Freude am Lernen und Entdecken haben und zwar ein Leben lang. Tatsächlich motiviert mich genau das , um mit der Montessori-Ausbildung zu beginnen bzw. um als Pädagogin Kindern die Freude am Lernen zu ermöglichen oder wieder zurückzugeben. Denn auch ich habe für sehr lange Zeit diese Freude verloren gehabt. Und als mir wieder bewusst geworden ist, wie schön und interessant die Welt doch ist, wie viel es noch zu entdecken gibt, musste ich traurig feststellen, dass ich über 20 Jahre mit verschlossenen Augen gelebt habe.

Ich habe auch ein wenig nachrecherchiert, welche bekannte Personen eigentlich eine Montessori-Schule besucht haben und war selbst über die lange Liste überrascht:

  • die Erfinder von Google, Larry Page und Sergey Brin
  • Jeffry P. Bezos, der Erfinder von Amazon.com
  • Jimmy Wales, der Wikipedia ins Leben gerufen hat
  • der Nobel-Preis Träger Gabriel Garcia Marquez
  • Katherine Graham, Inhaberin von und Redakteurin bei The Washington Post
  • Anne Frank
  • Beyonce Knowles
  • Joshua Bell, berühmter amerikanischer Geiger
  • Friedensreich Hundertwasser, berühmter österreichischer Architekt und Künstler (er absolvierte eine Montessori-Schule hier in Wien wo er die Liebe zu Farben und den Respekt gegenüber der Natur erworben hat)
  • der Unternehmer-Guru Peter Drucker
  • die junge Schauspielerin Dakota Fanning
  • Helen Hunt
  • Alan Rickman
  • Anne Hathaway
  • und auch Prinz William und Prinz Harry

Und dies sind nur ein paar, die ich gefunden habe. Sind all diese Menschen etwa weltfremd?

Was sie wohl eher gemeinsam haben ist, dass sie einen freien Geist und eine starke Persönlichkeit besitzen. Sie alle hatten die Möglichkeit sich frei zu entfalten und durch diese Freiheit etwas zu schaffen.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder kleine Dakotas oder große Computergenies werden. Was ich ihnen anbieten möchte ist, dass sie durch Achtsamkeit und Respekt starke und unabhängige Menschen werden können. Dass sie nicht nur Freude am tun haben, sondern mit Begeisterung alles in sich aufsaugen können, was sie interessiert. Dass sie dadurch ihre Stärken noch mehr stärken können. Dass sie das werden können, was sie sind und nicht, wie andere sie gerne hätten. Und ich bin mir sicher: das wünschen sich die meisten Eltern für ihre Kinder.

Montessori sah in den Kindern etwas, was nie zuvor jemand gesehen hat. Sie sah das Kind als Baumeister seiner selbst, voll mit Würde und Freude am Schaffen. Sie sah den sich frei entwickeln wollenden Geist und das Hungern nach Selbstständigkeit. Sie sah einen kleinen Menschen, der genau weiß, was es brauchst um "zu wachsen". Und vor allem sah sie in den Kindern eine bessere Zukunft.

"Das einzige was wir wirklich tun müssen, ist, unsere Grundhaltung gegenüber dem Kind zu ändern und es zu lieben mit einer Liebe, die an seine Person glaubt und daran, dass es gut ist; mit einer Liebe die nicht seine Fehler, sondern seine Tugenden sieht, die es nicht unterdrückt, sondern es ermutigt und ihm Freiheit gibt. " - Maria Montessori
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