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Die Entdeckung des eigenen Willens - über Frustration & Wut und wie ich dabei mein Kleinkind auf dem Montessori-Weg begleite

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"Das Alter von 18 Monaten bis 3 Jahren ist die Zeit, die in unserer Kultur respektlos als 'Trotzalter' etikettiert wird. Möglicherweise denken manche in so abschätzigen Begriffen über diese neue Phase des Selbstaufbaus, weil sie hierfür so unvorbereitet sind und haben keine Ahnung, warum kleine Kinder, die bisher vergleichsweise kooperativ waren, auf einmal so unmöglich erscheinen und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen." - Lillard/Jessen, Montessori von Anfang an, S. 201

Vor ein paar Tagen hatten wir einen wichtigen Arzttermin und waren schon ziemlich spät dran. Da Jakob seit einem halben Jahr sowohl den Kinderwagen als auch die Trage vehement ablehnt, gingen wir wie üblich zu Fuß zur U-Bahn. Bei der Haltestelle angekommen, wollte er unbedingt die Stufen nehmen, doch als ich auf meine Uhr und dann auf die 110 Stufen vor mir blickte, ahnte ich schon, wie das ausgehen würde. Ich sagte ihm, dass ich ihn tragen müsste und nahm die Stufen in Windeseile mit einem tobenden Kleinkind auf meinem Arm.

Er schrie und zappelte die ganze Fahrt hindurch. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir einen Sitzplatz ergattern konnten, denn der Waggon war voller Menschen. Gegenüber saß eine ältere Dame und beobachtete uns. Nach einer Weile wandte sie sich zu mir und fragte, ob ich mit ihr Platz tauschen möchte, da neben ihr der Platz frei wäre und meinte noch "... damit es für Sie weniger stressig ist."

Das saß. Die Dame meinte es nett, ich weiß, aber ihre Anmerkung traf mich wie ein Blitzschlag. Denn ich war tatsächlich mehr damit beschäftigt, was Jakobs Geschrei mit mir machte und wie mich all die Menschen in der U-Bahn anschauten, als mit der Tatsache, wie ich ihm helfen könnte. Klar war er laut und zappelte wild. Aber eigentlich war er es doch, der in Not war, nicht ich?!


Das in diesem Moment so zu sehen, war so eine Erleichterung! Plötzlich war es mir egal, was die Menschen um uns herum über uns dachten und sah auf einmal dieses 2 jährige Kind vor mir, das einfach nur deshalb tobte, weil es genau wusste, was es wollte. Es wollte doch nichts anderes, als seinem inneren Bauplan Folge zu leisten,  da es aber erst 2 Jahre alt ist und im Hier und Jetzt lebt, konnte es noch nicht nachvollziehen, warum es diesmal von seiner großen Arbeit abgehalten wurde. Und dann war auch noch dieses überwältigende Gefühl, die Wut. Seine letzte Chance, um sich zu verteidigen, doch die es gleichzeitig so unglaublich hilflos fühlen ließ!

Vielleicht ist es wirklich nur eine Sache des Blickwinkels. Statt es einfach als eine "Trotzphase" abzutun und dabei den Fokus mehr auf die eigene Sichtweise und Unbehaglichkeit zu richten, sich lieber darauf zu konzentrieren, was hinter diesen Wutausbrüchen steckt: ein unglaublich großer Entwicklungsschritt! Ich erlebe Jakob nicht weniger kooperativ, wie bisher, immerhin möchte er dazugehören. Nur dass er jetzt auch etwas wichtiges zu verteidigen versucht, das er für sich endlich entdeckt hat: nämlich seinen eigenen Willen!

Auf jeden Fall blieb ich erstaunlich gelassen und obwohl Jakob bis zur Arztpraxis sehr unrund war, kamen wir sogar pünktlich zu unserem Termin. Während ich dort meine E-Karte aus der Tasche fischte, fragte mich der Herr beim Empfang, was passiert war, warum Jakob denn so knautschig wäre. Und während sich Jakob fest an mich klammerte und ich ihn umarmte, antwortete ich: "Es ist alles in Ordnung. Er weiß eben, was er will."


Solche Wutanfälle gibt es bei uns natürlich öfters. Und auch wenn es mir nicht immer gelingt, Jakob dabei mit so viel Gelassenheit zu begegnen, wie ich es möchte, versuche ich, mich darauf zu fokussieren, wie ich ihm helfen kann:

  • In dem ich seine Gefühle akzeptiere. Ich weiß, dass er noch keine Impulskontrolle hat und ich ihn gar nicht davon abhalten könnte, seine Wut rauszulassen. Und um ehrlich zu sein, wollte ich das auch nicht. Worauf ich jedoch achte, ist, dass er dabei weder sich, noch andere verletzen kann. 
  • In dem ich seine Gefühle respektiere. Wenn er so in Rage kommt, lässt er sich weder umarmen, noch berühren, was ich absolut nachvollziehen kann. Wenn wir nicht gerade in einer Situation sind, wo ich ihn doch halten muss, bleibe ich zwar bei ihm, aber ich warte, bis er mir signalisiert, dass er getröstet werden möchte.  
  • In dem ich seine Gefühle bestätige und ihm so zeige, dass ich ihn wahrnehme. Dennoch vermeide ich es, ihn ständig daran zu erinnern, was der Auslöser seiner Wut war um ihm so die Möglichkeit zu geben, auf andere Gedanken zu kommen. 
  • In dem ich meine innere Ruhe bewahre und geduldig bleibe. Sei der Auslöser seiner Wut in meinen Augen noch so irrational. Aber ich merke, wie viel leichter es ihm dann fällt, mit seiner Frustration klar zu kommen und die Situation zu akzeptieren. Und um ehrlich zu sein, geht es mir nicht anders, wenn ich wütend bin. Die größte Hilfe sind dann für mich nicht die Ratschläge, das Mitleid von anderen oder gar Ignoranz, sondern jemand, der für mich einfach da ist und mir das Gefühl gibt, der sichere Hafen in stürmischer See zu sein.


Es gibt allerdings einiges, worauf ich im Alltag achte, wodurch uns schon so manche Wutanfälle erspart blieben und ich gleichzeitig auch Jakobs Bedürfnis nach mehr Unabhängigkeit gerecht werden kann:

  • Ihm keine Fragen stellen, wenn ich ihm bei etwas nicht die Wahl überlassen möchte. Statt ihn also zu fragen, ob er sich die Zähne putzen mag, lade ich ihn einfach dazu ein ("Jetzt kannst Du Deine Zähne putzen."). Aus demselben Grund habe ich mir auch die "Ja-Fragen" am Ende meiner Sätze abgewöhnt.
  • Die Umgebung für ihn passend vorbereiten, so dass er die Möglichkeit hat, sich aktiv und sinnvoll in den Familienalltag einzubringen. Echte Aufgaben rund um den Haushalt sind so bereichernd für junge Kinder, auch wenn dadurch die Aufgaben nicht unbedingt schneller erledigt werden. Aber genau diese Aktivitäten ermöglichen ihm, eine Balance zwischen seinen Impulsen und seiner Selbstbeherrschung zu finden.
  • Ihm so oft, wie möglich, die Möglichkeit geben, eigene Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet für mich aber nicht, dass er jederzeit tun kann, was immer er will, immerhin kann er noch nicht die Verantwortung für seine eigene Sicherheit und Gesundheit übernehmen und auch nicht für die von anderen. Aber es gibt unzählige Situationen im Alltag, wo ich ihm einfach 2 Optionen zur Auswahl anbieten kann, zwischen denen er sich selbst entscheiden kann.
  • Ihm mit einem regelmäßigen Tagesablauf das Gefühl von Sicherheit bieten und ihm die "Übergänge" rechtzeitig vorankündigen, damit er sich auf diese neue Situation vorbereiten kann.
  • Die Dinge möglichst positiv sehen und mit mehr Leichtigkeit und Humor nehmen. Einerseits, weil lachen verbindet und uns dadurch schon einige unnötige Stresssituationen erspart blieben. Andererseits, weil ich denke, dass ich meinen Kindern beim Positiven Denken ebenso ein Vorbild sein kann. Ich kann sie nicht vor Frustration bewahren. Aber durch eine positive Einstellung sie darin stärken, die Dinge dennoch optimistisch anzugehen und an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben.

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1 Kommentar:

  1. Danke für diesen schönen Beitrag! Unsere Tochter ist 3,5, sprachlich weit entwickelt, denkt um die Ecke, schreibt erste Wörter nach oder selbstständig. Man hat ist verführt, Sie für eine vier- statt dreijährige zu halten. Und dann hat sie ihren Willen, ich bin heilfroh darum, aber manchmal geraten wir so schlimm aneinander, Es macht mich so traurig. Dein Bericht hat mich wieder daran erinnert, Die Sinne zu schärfen um ihr zu helfen, Wenn ihre Gefühle sie übermannen.

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