15.09.2013

En garde! - Das Gefecht um den eigenen Willen


Zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr vollbringen Kleinkinder unglaubliche Leistungen. Sie lernen zu gehen, zu sprechen, ihre Hand als Werkzeug zu benutzen und sie entdecken ihren eigenen Willen. Allerdings wird die Entdeckung des eigenen Willen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft am wenigsten verstanden, toleriert und unterstützt. Dabei muss, genau wie das Gehen und das Greifen, auch die Selbstkontrolle erlernt werden und im Gegensatz zur Körperkontrolle ist die Selbstbeherrschung ein langwieriger Lernprozess mit vielen Stolpersteinen. Und diesen Weg muss jeder von uns gehen.

Auch unser Kind ist keine Ausnahme und als sie vor 5 Monaten ihre ersten richtigen Wutanfälle bekam, standen wir völlig perplex da. Es passierte nachdem sie zu Gehen begonnen hat. Als wäre ihr mit dem Mobil-Werden plötzlich auch eine andere Tür aufgegangen. Diese emotionsgeladenen Momente waren damals viel schlimmer und heftiger, als sie heute sind. Sie hatte 4-5 Mal solche Wutausbrüche am Tag und jeder einzelne dauerte 15-20 Minuten! Sie explodierte regelrecht, schmiss sich auf den Boden, ballte ihre Fäuste und riesige Krokodiltränen rollten über die geröteten Wangen. Es waren herzzerschmetternde Szenen. Wir fragten uns ständig, was da passiert ist? Was sollten wir tun ohne sie dabei im Stich zu lassen, ohne sie zu ignorieren und ohne ihr ihre Würde zu nehmen.
Was tun?

Mein Mann und ich führten damals jeden Abend, als unsere Kleine bereits schlief, ganz intensive Gespräche miteinander. Und wir waren nicht immer derselben Meinung. Wir versuchten es daher unter anderem mit den Ratschlägen von Juul, Maier-Hauser und Ansätze von Montessori (und den Lillards) und nahmen von jedem das mit, was uns am ehesten zusagte:

  • Die Wutanfälle unseres Kindes ernst nehmen, diese sind ja seine Gefühle.
  • Auch wenn wir bei unserem Nein bleiben, weil es eben notwendig ist, hören wir ihr zu und zwar richtig, wenn sie ihre Gefühle offenbart. Wie oft passiert mir, dass ich mein Problem jemandem erzähle und statt mir zuzuhören, fängt dieser jemand an, sein Problem zu schildern. Aber die Situation zwischen einem wütendem Kind und seinen Eltern, die nur auf ihrer eigenen Meinung beharren, ist meines Erachtens nicht viel anders.
  • Ruhe bewahren. Am Anfang war dies für uns die größte Herausforderung. Wir sind eher stille Menschen und ihr schrilles, heftiges Geschrei brachte uns völlig aus dem Konzept. Ich komme heute noch ganz schön ins Schwitzen, wenn ich unter Zeitdruck stehe und meine Kleine protestiert, jedoch halte ich mir ganz bewusst vor Augen: "Verstehe sie doch! Verstehe, wie sie sich fühlt!"
  • Sie mit ihrer Wut nie alleine lassen! Daher bleiben wir immer in ihrer Nähe, setzen uns hin und "hören ihr zu", auch wenn sie uns in ihrer Rage ablehnt, dass heißt, nicht von uns berührt werden möchte. (Dabei muss ich oft an den Beitrag von Sina denken und ich wünschte, ich hätte schon damals diese Erfahrungen gemacht.)
  • Die persönliche Sprache verwenden. Das heißt, nicht in der 3. Person sprechen ("Mama will das nicht!") sondern in der 1. Person ("Ich will das nicht!"). Denn das sind MEINE Gefühle und MEINE Wünsche zu denen ICH stehe. Dies schenkt unserem Wort mehr Glaubwürdigkeit, was wiederum zu einem gesunden Zusammenleben führt. Denn wir sprechen über UNSERE Grenzen. Auch vermeiden wir ("Man tut sowas nicht!") zu verallgemeinen, damit wir ihr nicht das Gefühl geben, alle anderen machen das "richtig", nur sie nicht, auch da bleiben wir bei einem "ICH will (nicht)!"
  • Wir gehen sparsam mit dem Nein um, was nicht immer einfach ist. Sie ist sehr neugierig und mutig noch dazu, daher verwenden wir eine andere Strategie: wir sagen ihr, was sie stattdessen tun kann. 
  • Ihre Gefühle melden wir ihr in wenigen aber klaren Worte zurück. Erstens, damit sie lernt ihren Gefühlen einen Namen zu geben, zweitens, damit sie sich von uns bestätigt fühlt: "Du ärgerst dich, weil Du noch gerne länger gespielt hättest. Es ist nicht schön, wenn du baden gehen musst, wenn Du doch noch hämmern möchtest." 
  • Wir ziehen sie in alle möglichen Alltagssituationen mit ein, lassen sie im Geschäft entscheiden, ob wir eine grüne oder eine rote Paprika kaufen sollen, ob sie die gepunktete oder rosarote Haube anziehen möchte oder welche Farbe die Serviette beim Mittagessen haben soll. Wenn sie Lust hat, kochen wir gemeinsam, sie hilft beim Staubsaugen, beim Wäscheaufhängen oder beim Müllentsorgen.
  • Wir versuchen eskalierende Situationen spielerisch an zu gehen, mit ihr Spaß zu treiben und ich bin unendlich froh, dass mein Mann hierbei ein richtiger Weltmeister ist. :)

Im letzten Monaten haben wir uns auf diese Weise bemüht, ihr den Weg so liebevoll, sanft und dennoch bestimmt zu weisen, wie es uns nur möglich war und haben dies auch in der Zukunft vor. Ich sage nicht, dass wir uns immer an jeden Punkt halten, wir sind schließlich auch Menschen und haben manchmal einen wirklich harten Tag an dem wir schneller die Nerven verlieren, als sonst. Aber das ist gut so, denn wir wollen keinesfalls perfekt sein. Wir glauben nicht, dass sie perfekte Eltern braucht. Und überhaupt: Wer ist schon perfekt? Viel mehr braucht sie Eltern, die da sind und die ihre Fehler eingestehen können.
 
Ich kann jedoch sagen, dass unsere Beziehung zu unserer Tochter viel inniger geworden ist, dass sie viel besser mit ihrem Willen und ihren unerfüllten Wünschen umgehen kann und, dass wir als Eltern viel gelassener geworden sind. Viiiiiiel gelassener. Statt gegen ihren Willen zu kämfpen, haben wir uns einstimmig entschlossen, lieber mit ihr auf diese Weise mitzukämpfen.



Bücher und Artikel die wir gelesen haben und die uns enorm viel geholfen haben:

Heidi Maier-Hauser - Lieben, ermutigen, loslassen
Heidi Maier-Hauser - "...dass wir unser Bestes geben" - Erziehen nach Montessori

Kommentare:

  1. Liebe Anna, nun seid ihr auch angekommen in der berühmten Phase und ich bin mir sicher, ihr meistert das prächtig und beispielhaft. Alle Punkte, die du aufzählst, versuche ich auch im Alltag umzusetzen und bei uns wird das Trotzen, so ist mein Gefühl, von Tag zu Tag weniger (ohhh, besser nicht zu laut aussprechen ;) ) - an den "Ich-Sätzen" muss ich noch arbeiten, ich falle doch immer wieder in "Mama ist traurig über dein Verhalten", ist fett notiert, danke für die Erinnerung daran und viel Erfolg euch und eine wunderbare Trotzphase mit vielen Erinnerungen für später :)

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    1. Ganz vergessen: Die kurzen Auszeiten zelebrieren wir in richtig heftigen Situationen noch immer und uns hilft das oft sehr, sowohl dem großen Mädchen als auch uns Eltern - allerdings sind wir natürlich immer in Reichweite, die Türen werden nie verschlossen und wir erklären genau, dass wir eine ganz kurze Pause benötigen und warum.

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  2. wenn ich an meine grenzen komme hilft mir der ausdruck..bedingungslose liebe.. und jesper juul sagte einmal das kinder oft absolut von ihrer wut ÜBERROLLT werden,wissen oft selbst nicht was da gerade mit ihnen passiert und gerade deshalb brauchen sie dann unsere unterstützung..da sein und da raushelfen durch zulassen, wahrnehmen und lieben..deine punkte sind super, nur der letzte für mich nicht.. ich selbst denke dass das ablenken kurz vor einer drohenden eskalation dem kind suggeriert, dein problem ist grad nicht wichtig genug, schnell themawechsel.. zulassen von wut grad unerwünscht..wenns geklappt hat ist die freude gross auf elternseite und die annahme das kind hätte es nun vergessen--falsch..meine maus ist nun 3,5 jahre und vom thema abzulenken ist nicht mehr möglich..sie bleibt weiterhin bei sich..im affekt versuche ich auch mal den weg des geringsten widerstandes..ertappe mich dann auch und es ist seeeehr schwer in der öffentlichkeit kindergefühle zuzulassen und auch ein eingreifen von aussen zu tolerieren..kennt ihr bestimmt auch solche leute und ihre meinungen..zwinker

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    1. Ja, da stimme ich Dir völlig zu. Von bereits vorhandener Wut abzulenken war damit auch nicht gemeint. Eher die Sachen spielerisch angehen, wenn wir wissen, dass unsere Kinder diese nicht sehr gerne aber dennoch machen müssen. Ich persönlich finde es ganz toll, wenn ich, sollte ich z.B. lustlos in die Abeit gehen, von einer/einem fröhlichen und ermutigenden Kollegen auch positiv besinnt bzw. auf schöne Dinge aufmerksam gemacht werde. Weil mich dann diese Person mit ihrer fröhlichen Art ansteckt statt mir ständig unter die Nase zu reiben, dass ich in die Arbeit gehen muss. So, finde ich, kann man auch unsere Kinder ermutigen und ihnen gewisse Situationen angenehmer machen. Ich habe ganz bewusst nicht von Wut ablenken geschrieben, weil ich das eben nicht gemeint habe und nie machen würde!

      Worüber Du sprichst ist, wenn es bereits eskaliert ist. Wenn man bereits Groll hägt und frustriert ist. Diesen Gefühlen muss man auf jeden Fall freien Raum lassen und sie keinesfalls ansammeln!;)

      LG,
      Anna

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  3. Hallo,
    du wurdest getagged. :)
    Hast du Lust, mitzumachen? :)
    Auf jedem Fall stehst du auf meiner Liste.
    http://monpetitchichi.blogspot.de/7

    Liebe Grüße :))

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