08.02.2017

Wie viel (selbstgemachte) Materialien braucht es für Montessori zu Hause?


Als Montessori-Pädagogin liebe und schätze ich die Montessori-Materialien! Und ebenso liebe ich selbstgemachte Materialien und tolle Ideen für zu Hause, die schlicht und sinnvoll sind und es Kindern ermöglichen, eigene Entdeckungen zu machen. Ich habe schon viele tolle Ideen im Internet gesehen und auch ich selbst mache gerne solche Materialien für meine Tochter, dennoch denke ich, dass in Wirklichkeit nicht diese Materialien Montessori zu Hause ausmachen.


Ich kenne einige Familien, die viele Materialien für zu Hause basteln, den Kindern aber nur in wenigen Bereichen Selbstständigkeit ermöglichen und auch mit der Philosophie nicht ganz einverstanden sind. Und ich kenne Familien, (unter anderem auch von Montessori-Pädagogen), wo Kinder in ganz vielen Bereichen im Alltag  selbstständig sind und auch mit dieser ganz bestimmten Grundhaltung begleitet werden, jedoch kaum selbstgemachte Materialien zu Hause haben. Ich weiß, dass manche Eltern verzweifelt sind, weil ihre Kinder keine Montessori-Einrichtung besuchen können oder weil sie weder die Zeit noch die Ressourcen haben, all die schönen Materialien aus dem Internet nachzubasteln. Aber das Wesentliche, was Montessori zu Hause wirklich ausmacht, sind nicht diese Materialien.


Mit einer Vorbereiteten Umgebung die es Kindern erlaubt, ihre Unabhängigkeit Stück für Stück zu erobern, ist bereits eine Menge getan! Auch mit einigen wenigen, sorgfältig ausgesuchten Spielsachen, die den Interessen der Kinder entsprechen, die schön, schlicht und sinnvoll sind, kann man ein Kinderzimmer wunderbar nach Montessori gestalten. Wenn Kinder am Alltag teilhaben dürfen, echte Aufgaben von Anfang bis zum Ende selbstständig verrichten dürfen und ihre Hände sinnvoll gebrauchen, ist dies viel wesentlicher, als selbstgemachte Materialien. Montessori findet man aber auch im Garten oder im Wald, wo Kinder die Lebewesen und die Natur beobachten, erleben und bewundern können. Oder aber auch in Büchern, beim Wäsche zusammenlegen, beim Tischdecken... Montessori steckt überall!


Es bedeutet, den Kindern zu zeigen, wie schön doch unsere Welt ist und ihnen nur "einen Lichtstrahl geben und dann weitergehen" (Maria Montessori) und sie einfach staunen und entdecken lassen. Es bedeutet, sie nicht ständig zu korrigieren und sich auch nicht in ihre (innere) Arbeit einzumischen und ebensowenig ihnen ständig was beibringen zu wollen, sondern ihnen zu vertrauen. Darauf, dass sie einem inneren, natürlichen Bauplan folgen, dass sie geborene "Macher" sind, die von Anfang an lernen wollen - aber immer nur das, wozu SIE bereit sind.


Es ist die Bereitschaft, Kinder zu verstehen, sie ernst zu nehmen und achtsam auf ihrem Weg zu begLEITEN. Es bedeutet, in allem, was wir tun, den Kindern Vorbilder zu sein und ihnen so auch das Rüstzeug zu geben, anderen Menschen respektvoll und friedlich zu begegnen aber auch, ihre Konflikte und ihr Bangen gewaltfrei zu lösen. Auch wenn ich selbst gerne solche Materialien herstelle, bin ich zu Hause keine Pädagogin, sondern Mama. Diejenige, die ihren Kindern zeigt, was eine Beziehung im wesentlichen ausmacht und was es bedeutet, einander zu vertrauen... die, die sie bedingungslos liebt, ermutigt aber auch loslässt. Und all das braucht keine selbstgemachten Materialien.

"Wenn wir erkennen, das Montessori ein Verb ist, eine Handlung und keine Sache, gestatten wir uns selbst [...] zu wachsen. Wenn wir erkennen, dass Montessori nicht benannt, etikettiert oder identifiziert werden, sondern nur gelebt werden kann, sprechen wir den Zauberspruch." 
- Catherine McTamaney: Das Tao von Montessori

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag ❤️❤️❤️, Ines

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  2. Wie schööööön! Wie immer ;)
    Habt noch eine gute Woche!
    Liebste Grüße
    Katrin

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  3. Ein großartiger Text- und der sollte eigentlich für alle Eltern gelten, denn er hilft allen Kindern, "groß" zu werden und in der Welt klar zu kommen...
    Danke!
    Liebe Grüße, Tanja

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  4. Liebe Anna,
    Ich folge deinem Blog schon fast von Anfang an und ich bin erstaunt über die Entwicklung die in dieser Zeit stattgefunden hat. Zu Beginn habe ich mir sehr viele Materialien gekauft und gebastelt. Aber immer wieder meinen Sohn, der so alt ist wie Julia, korrigiert und verglichen. Ich war so beeindruckt von dem, was ich hier von euch lesen konnte und wollte das auch. Dabei habe ich oft nicht beachtet, dass du die Aktivitäten nach Julias Interessen auswählst. So fühlte ich mich immer enttäuschter und frustrierter und die Beziehung zu meinem Sohn litt sehr darunter. Erst als ich anfing mich mit dem freien Lernen und Menschen wie André Stern zu beschäftigen, erkannte ich was das eigentliche Problem war und so lernte ich mein Kind mit ganz anderen Augen zu sehen. Daher berühren mich deine heutigen Worte sehr und ich kann dir nur zustimmen: Die Haltung ist es, nicht die Dinge rundherum.
    Liebe Grüße Steffanie

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  5. :) Das stimmt, da gebe ich dir vollkommen recht. Wir machen das auch so, wo es geht. Einfach leben eben, MIT unserem Kind.

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